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	<description>Politik und Gesellschaft vom Menschen her gedacht</description>
	<lastBuildDate>Thu, 13 Aug 2026 05:41:38 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Erich Fromm und der Zulauf zur AfD</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Aug 2026 05:41:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays & Debatten]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum folgen so viele Menschen der AfD? Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“ hilft, hinter Protest und einzelne politische Themen zu schauen. Wo Freiheit als Überforderung erlebt wird, können Autorität, Gegnerbilder und Opfererzählungen entlastend wirken. Doch sie machen den Menschen klein und die Ideologie groß. Eine freie Gesellschaft muss deshalb nicht nur Freiheit garantieren – sie muss Menschen zur Freiheit befähigen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum äußere Freiheit Menschen überfordern kann – und weshalb eine freie Gesellschaft ihre Bürger zur Freiheit befähigen muss</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Sachsen-Anhalt steht die AfD wenige Wochen vor der Landtagswahl in Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Der Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap sah sie Ende Juli 2026 bei 41 Prozent. Die CDU folgte mit 24 Prozent. Eine Umfrage ist noch kein Wahlergebnis. Aber eine politische Stimmung dieser Größenordnung lässt sich nicht mehr als bloßer Protest einer kleinen Minderheit abtun. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch bundesweit ist die AfD keine Randerscheinung mehr. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt sie 20,8 Prozent der Zweitstimmen und damit doppelt so viel wie 2021. Sie wurde zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie lässt sich dieser Zulauf erklären?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Energiepreise, Krieg, Inflation und der Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen spielen eine wichtige Rolle. Auch konkrete politische Fehler, ungelöste Probleme und die Erfahrung, mit berechtigter Kritik nicht gehört zu werden, gehören zur Erklärung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch darunter liegt eine weiterführende Frage: Warum verwandelt sich Unzufriedenheit bei einem Teil der Menschen nicht in politische Beteiligung, nüchterne Problemlösung oder die Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen? Warum wächst stattdessen die Anziehungskraft einer Partei, die komplizierte Verhältnisse häufig auf Gegner, Verrat und nationale Bedrohung zuspitzt?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine mögliche Antwort findet sich in einem Buch, das vor mehr als achtzig Jahren erschien.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Buch aus einer Zeit der Unfreiheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm veröffentlichte 1941 im amerikanischen Exil „Escape from Freedom“. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel „Die Furcht vor der Freiheit“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fromm versuchte zu verstehen, weshalb sich Menschen dem Nationalsozialismus unterworfen hatten. Warum gaben sie politische und persönliche Freiheiten preis? Warum folgten sie einer autoritären Bewegung, obwohl Freiheit zuvor mühsam erkämpft worden war?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seine Antwort war weder eine Entschuldigung noch eine einfache Schuldzuweisung. Fromm untersuchte die seelischen Voraussetzungen autoritärer Herrschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Moderne hatte den Menschen aus vielen überlieferten Bindungen gelöst. Herkunft, Religion, Stand, Familie und örtliche Gemeinschaft bestimmten sein Leben nicht mehr in derselben Weise wie zuvor. Diese Befreiung eröffnete große Möglichkeiten. Sie nahm dem Menschen aber auch vorgegebene Gewissheiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Einzelne gewann Freiheit. Gleichzeitig musste er häufiger selbst entscheiden, wer er sein, woran er glauben und wie er leben wollte. Er wurde unabhängiger – und konnte sich gerade dadurch einsamer, machtloser und orientierungsloser fühlen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fromms entscheidender Gedanke lautet: Menschen sehnen sich nach Freiheit und können zugleich vor ihr fliehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Freiheit ist nicht nur ein Recht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sprechen über Freiheit meist so, als müsse man sie einem Menschen lediglich gewähren. Der Staat garantiert Rechte, beseitigt Verbote und schützt den Einzelnen vor Willkür. Danach, so die verbreitete Vorstellung, könne der freie Mensch sein Leben selbst gestalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese äußere Freiheit ist unverzichtbar. Ohne Rechtsstaat, freie Wahlen, Meinungsfreiheit und persönliche Rechte gibt es keine freiheitliche Gesellschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber äußere Freiheit beantwortet noch nicht die Frage, ob ein Mensch sie auch leben kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit verlangt Urteilsvermögen. Sie verlangt die Fähigkeit, zwischen Möglichkeiten zu wählen, Unsicherheit auszuhalten und mit den Folgen eigener Entscheidungen umzugehen. Sie verlangt Selbstführung, Verantwortung und den Mut, Fehler zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo frühere Umstände das Leben stärker vorgaben, muss der Mensch heute häufiger sich selbst führen. Das ist ein Fortschritt. Es ist aber auch eine Zumutung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich dieser Zumutung nicht gewachsen fühlt, erlebt Freiheit nicht nur als Möglichkeit. Er kann sie als Last empfinden. Dann wächst die Versuchung, die Verantwortung an eine Autorität, eine Gruppe oder eine geschlossene Weltanschauung abzugeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit muss man können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die drei Fluchtwege</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fromm beschrieb mehrere Wege, auf denen Menschen der offenen Freiheit ausweichen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste ist die Unterwerfung unter Autorität. Der Mensch ordnet sich einer starken Person, einer Organisation oder einer Weltanschauung unter. Dafür erhält er Richtung, Sicherheit und Zugehörigkeit. Er muss die Welt nicht mehr allein beurteilen. Andere erklären ihm, was wahr ist und was zu tun bleibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der zweite Weg ist die Anpassung. Der Mensch übernimmt die Erwartungen seiner Umgebung und wird so, wie man es von ihm verlangt. Er bleibt äußerlich frei, verliert aber allmählich die Fähigkeit, zwischen eigenen Überzeugungen und übernommenen Meinungen zu unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der dritte Weg ist die Zerstörung. Was Angst macht, widerspricht oder sich nicht beherrschen lässt, soll herabgesetzt, bekämpft oder beseitigt werden. Die eigene Machtlosigkeit wird erträglicher, wenn ein Gegner gefunden wird, gegen den sie sich richten kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Mechanismen lassen sich nicht einfach auf die Gegenwart übertragen. Deutschland im Jahr 2026 ist nicht Deutschland am Ende der Weimarer Republik. Die AfD ist nicht allein durch Fromms Theorie erklärt, und nicht jeder ihrer Wähler besitzt einen autoritären Charakter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Fromms Analyse bietet ein Instrument, mit dem sich ein Teil ihres Zulaufs verstehen lässt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Aus Angst wird ein Gegner</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen erleben die Gegenwart als Folge kaum überschaubarer Krisen. Migration, Klimawandel, Krieg, wirtschaftlicher Umbau, Digitalisierung, demografischer Wandel und die Zukunft der sozialen Sicherung greifen ineinander. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass der Staat viel regelt, aber zentrale Probleme nicht mehr zuverlässig löst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus einer solchen Lage kann diffuse Angst entstehen. Sie hat zunächst keinen eindeutigen Gegenstand. Alles scheint unsicher, zu schnell und kaum beeinflussbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine verantwortliche Politik müsste dabei helfen, diese Angst zu übersetzen: Wovor fürchten wir uns konkret? Was davon ist tatsächlich eingetreten? Was ist eine Befürchtung? Welches Problem liegt vor? Welche Aufgabe ergibt sich daraus? Wer kann welchen Beitrag zu einer Lösung leisten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die autoritäre Versuchung nimmt einen anderen Weg. Sie übersetzt Angst nicht in eine Aufgabe, sondern in einen Gegner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann sind „die Eliten“, „die Altparteien“, „die Fremden“, „die Globalisten“, „die Medien“ oder „die Verräter“ schuld. Unterschiedliche Vorgänge werden zu einer einzigen Bedrohungserzählung verbunden. Die Welt wird verständlicher, weil sie in ein klares Gegenüber zerfällt: hier das eigene Volk, dort seine Gegner.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Vereinfachung entlastet. Sie löst aber das zugrunde liegende Problem nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mechanismus lautet:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Angst → Gegner → Schließung → Lagerbindung → erneuerte Angst</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Angst hält das Lager zusammen. Der Gegner begründet die Geschlossenheit. Und jede neue Unsicherheit bestätigt die Erzählung, dass nur das eigene Lager noch Schutz bieten könne.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Flucht in die Opfererzählung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine besonders wirksame Form der Flucht vor der Freiheit ist die Flucht in die Opfererzählung. Sie bietet eine einfache Entlastung: Nicht ich muss meine Lage untersuchen, Möglichkeiten erkennen und Verantwortung übernehmen. Andere haben mir meine Möglichkeiten genommen. Sie sind schuld, und eine politische Kraft muss mich gegen sie verteidigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solche Erzählungen finden sich an unterschiedlichen politischen Rändern. Ihre Inhalte und ihre tatsächlichen Folgen sind nicht gleich. Der zugrunde liegende Mechanismus kann sich dennoch ähneln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen werden vor allem als Opfer von Eliten, Fremden, Kapital, Patriarchat, Diskriminierung, Globalisierung oder einer angeblich feindlichen Gesellschaft angesprochen. Reale Benachteiligungen und berechtigte Kritik können dabei den Ausgangspunkt bilden. Politisch gefährlich wird es, wenn daraus eine vollständige Identität und eine geschlossene Erklärung der Welt entstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Opfererzählung macht den Menschen zunächst unschuldig, dann aber auch klein. Sie erklärt ihn zum Objekt fremder Mächte. Die Partei oder Ideologie steigt gleichzeitig auf: Sie deutet die Welt, benennt den Gegner, verspricht Schutz und verleiht Zugehörigkeit. Je ohnmächtiger der Mensch erscheint, desto notwendiger wird seine politische Beschützerin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt eine eigentümliche Form von Herrschaft. Die Ideologie behauptet, den Menschen zu erhöhen, indem sie sein Leiden anerkennt. Tatsächlich kann sie ihn in seiner Ohnmacht festhalten. Denn ein Mensch, der seine Lage selbst untersucht, Unterschiede erkennt, konkrete Aufgaben gewinnt und wieder handlungsfähig wird, braucht die politische Opfergemeinschaft immer weniger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Extreme Bewegungen lösen die Angst deshalb häufig nicht auf. Sie bewirtschaften sie. Sie brauchen die fortdauernde Bedrohung, weil aus ihr ihre Bindungsmacht entsteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht die Lösung hält das Lager zusammen. Das ungelöste Problem tut es.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nicht jeder AfD-Wähler flieht vor der Freiheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es wäre falsch und überheblich, jeden Wähler der AfD psychologisch zu diagnostizieren. Menschen wählen die Partei aus unterschiedlichen Gründen. Manche wollen gegen die Bundesregierung protestieren. Manche halten ihre Migrationspolitik für richtig. Manche fühlen sich durch andere Parteien nicht mehr vertreten. Manche haben Vertrauen in Institutionen verloren. Manche wählen aus Wut, andere aus Überzeugung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darunter befinden sich auch Menschen, die konkrete Fehlentwicklungen benennen, welche andere Parteien zu lange ignoriert, beschönigt oder moralisch abgewehrt haben. Eine Demokratie darf auf solche Kritik nicht mit pauschaler Herabsetzung reagieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer alle AfD-Wähler für dumm, unmoralisch oder demokratieunfähig erklärt, verstärkt genau jene Lagerbildung, die er zu bekämpfen vorgibt. Er bietet der Partei den Beleg für ihre Erzählung, ihre Anhänger würden von einem überheblichen politischen und medialen Milieu verachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verstehen bedeutet jedoch nicht verharmlosen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die politische Sprache, die Ziele und das Handeln einer Partei müssen daran gemessen werden, ob sie Probleme aufklärt und Lösungen ermöglicht – oder ob sie Angst verstärkt, Gegnerbilder pflegt und Menschen an eine Opfergemeinschaft bindet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet nicht nur, warum Menschen zur AfD gehen. Ebenso wichtig ist, was die Partei mit ihrer Angst macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Macht sie aus Furcht ein untersuchbares Problem und aus dem Problem eine lösbare Aufgabe? Oder macht sie aus Angst einen Gegner und aus dem Gegner eine dauerhafte politische Bindung?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Auch moralische Überlegenheit kann unfrei machen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die autoritäre Versuchung kommt nicht ausschließlich von rechts. Auch progressive und linke Bewegungen können Menschen in feste Opfer- und Tätergruppen einteilen. Dann werden Personen weniger nach ihrem konkreten Handeln als nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, wirtschaftlicher Stellung oder Gruppenzugehörigkeit beurteilt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der berechtigte Schutz vor Diskriminierung kann sich dabei in eine moralische Ordnung verwandeln, die Menschen dauerhaft als Opfer oder Schuldige festlegt. Wer als Opfer gilt, erhält besondere moralische Autorität. Wer einer vermeintlich privilegierten Gruppe zugerechnet wird, muss sich rechtfertigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch dieser Mechanismus kann den einzelnen Menschen verkleinern. Er wird nicht mehr als widersprüchliche, lernfähige und verantwortliche Person betrachtet, sondern als Vertreter einer Gruppe. Die Ideologie übernimmt die Deutung seines Lebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die politischen Extreme sind deshalb nicht in ihren Zielen, Mitteln oder Gefahren pauschal gleichzusetzen. Es wäre unredlich, tatsächliche Unterschiede einzuebnen. Vergleichbar ist allein der Mechanismus, in dem eine geschlossene Weltanschauung den Menschen auf eine Opfer- oder Täterrolle reduziert und sich selbst über ihn erhebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Politik vom Menschen her muss reale Benachteiligung ernst nehmen, ohne Menschen auf ihre Benachteiligung festzulegen. Sie muss schützen, ohne aus Schutzbedürftigkeit eine dauerhafte Identität zu machen. Sie muss Verantwortung zumuten, ohne Not und ungleiche Ausgangsbedingungen zu leugnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist größer als die Rolle, die eine Ideologie ihm zuweist.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die demokratische Antwort reicht bisher nicht aus</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die üblichen Antworten auf den Aufstieg der AfD greifen zu kurz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Antwort lautet Abgrenzung. Demokratische Parteien müssen sich von verfassungsfeindlichen Positionen abgrenzen. Aber eine Brandmauer beantwortet noch nicht die Frage, warum so viele Menschen auf der anderen Seite stehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Antwort lautet Aufklärung. Falsche Behauptungen müssen widerlegt und extremistische Netzwerke offengelegt werden. Aber Informationen allein verändern nicht automatisch das Lebensgefühl eines Menschen, der sich machtlos und übergangen erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die dritte Antwort lautet bessere Kommunikation. Politik müsse ihre Entscheidungen nur verständlicher erklären. Doch ein Bürger, der sich nicht als Handelnder erlebt, will nicht lediglich besser über seine eigene Ohnmacht informiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die vierte Antwort lautet materielle Entlastung. Sie kann notwendig sein. Aber auch ein versorgter Mensch kann sich bedeutungslos, abhängig und politisch wirkungslos fühlen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine tragfähige demokratische Antwort muss tiefer ansetzen. Sie muss Menschen nicht nur schützen und informieren. Sie muss ihnen die Erfahrung ermöglichen, selbst etwas bewirken zu können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Von der Angst zur Aufgabe</h2>



<p class="wp-block-paragraph">ChajmLibertus setzt dem autoritären Mechanismus einen anderen Weg entgegen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Angst → Furcht → Problemerkennung → Aufgabe → Handlung → Lösung → Erfahrung und Stärke</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diffuse Angst soll nicht beschämt oder politisch bewirtschaftet werden. Sie muss zunächst ernst genommen werden. Dann ist zu klären, worauf sie sich richtet. Aus der namenlosen Angst wird eine konkrete Furcht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Furcht muss geprüft werden. Was ist tatsächlich geschehen? Welche Gefahr besteht? Welche Annahme ist unbelegt? Welches Problem lässt sich benennen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem erkannten Problem entsteht eine Aufgabe. Eine Aufgabe ist begrenzt. Sie hat einen Gegenstand, eine Richtung und einen möglichen nächsten Schritt. Der Mensch wird aus dem Zuschauer seiner Angst wieder zum Handelnden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht jede Aufgabe lässt sich allein bewältigen. Menschen brauchen Gemeinschaft, staatliche Ordnung und manchmal Schutz oder Hilfe. Entscheidend ist, dass sie einen eigenen Anteil am Gelingen behalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo eine Aufgabe bewältigt wird, entsteht mehr als eine sachliche Lösung. Der Mensch macht eine Erfahrung: Ich kann etwas verstehen. Ich kann handeln. Ich kann gemeinsam mit anderen eine Lage verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dieser Erfahrung wachsen Selbstwirksamkeit, Urteilskraft und neues Zutrauen. Genau diese Fähigkeiten machen Menschen weniger anfällig für politische Kräfte, die sie durch Angst und Ohnmacht an sich binden wollen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Welche Fähigkeiten braucht der freie Mensch?</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Eine freie Gesellschaft benötigt Menschen, die Unsicherheit aushalten können, ohne sofort nach einem Schuldigen zu suchen. Menschen, die widersprüchliche Informationen prüfen, zwischen Tatsachen und Behauptungen unterscheiden und ihre Meinung verändern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie braucht Menschen, die Konflikte austragen, ohne den Gegner zum Feind zu erklären. Menschen, die eigene Interessen vertreten und zugleich anerkennen, dass andere ebenfalls berechtigte Interessen besitzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen: für ihre Entscheidungen, ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Umgebung und das gemeinsame politische Leben. Menschen, die Hilfe annehmen können, ohne sich dauerhaft als hilflose Opfer zu verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie braucht schließlich Menschen, die aus einem Problem eine Aufgabe gewinnen und tätig werden können. Nicht weil jeder alles allein lösen müsste, sondern weil Demokratie davon lebt, dass Bürger sich nicht nur als Empfänger, Betroffene oder Zuschauer erleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Appelle. Sie wachsen durch Erfahrung und Übung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wie eine Gesellschaft zur Freiheit befähigt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Familie legt einen ersten Grund. Kinder brauchen Schutz und Verlässlichkeit. Sie brauchen aber auch Aufgaben, Grenzen und die Erfahrung, dass ihnen etwas zugetraut wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schule darf deshalb nicht nur Wissen vermitteln und soziale Nachteile verwalten. Sie muss Urteilsfähigkeit, Konzentration, Konfliktfähigkeit, Disziplin und Verantwortung entwickeln. Kinder müssen erleben, dass Anstrengung zu Können und Können zu Selbstvertrauen führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Arbeit ist ebenfalls mehr als Einkommen. Sie ermöglicht Beitrag, Zugehörigkeit und die Erfahrung, gebraucht zu werden. Sozialpolitik sollte Menschen daher nicht nur absichern, sondern ihnen helfen, wieder selbst tätig zu werden. Ein guter Sozialstaat sichert den Boden. Er ersetzt nicht das Gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Demokratie selbst muss erfahrbar werden. Bürger brauchen vor Ort Räume, in denen ihre Mitwirkung sichtbar etwas verändert: in Gemeinden, Vereinen, Schulen, Betrieben, Feuerwehren, Nachbarschaften und lokalen Projekten. Wer erlebt, dass sein Beitrag zählt, braucht weniger das Versprechen einer fernen politischen Rettungsmacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Politik muss wieder lösungsfähig werden. Sie darf von Menschen Verantwortung verlangen. Sie muss aber auch ihren eigenen Teil erfüllen: Probleme klar benennen, Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und Ergebnisse hervorbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Staat, der ständig Verantwortung einfordert, aber selbst an Verfahren und Zuständigkeiten scheitert, verliert Glaubwürdigkeit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Freiheit muss man können</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fromms Buch erschien 1941. Es entstand aus der Erfahrung, dass Menschen ihre Freiheit nicht nur verlieren können. Sie können vor ihr davonlaufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Einsicht ist heute wieder aktuell. Nicht weil sich Geschichte einfach wiederholt. Sondern weil äußere Freiheit auch in einer modernen Demokratie nicht automatisch zu innerer Selbstständigkeit führt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer Menschen nur als Opfer anspricht, macht sie kleiner, als sie sein müssen. Wer ihre Angst in Feindschaft verwandelt, bindet sie an ein Lager. Wer ihnen eine vollständig erklärte Welt anbietet, nimmt ihnen die Last des eigenen Urteils – und damit einen Teil ihrer Freiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die demokratische Antwort darf nicht darin bestehen, Menschen zu belehren oder ihre Sorgen herabzusetzen. Sie muss ihnen mehr zutrauen. Sie muss sie schützen, wo Schutz notwendig ist, und zugleich ihre Fähigkeit stärken, selbst zu urteilen, zu handeln und Verantwortung zu tragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Befreiung kommt die Befähigung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine freie Gesellschaft kann nicht allein davon leben, dass sie Freiheit rechtlich garantiert. Sie muss Menschen auch dazu befähigen, Unsicherheit auszuhalten, Probleme zu untersuchen, Entscheidungen zu treffen, Konflikte friedlich auszutragen und aus Angst konkrete Aufgaben zu gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende politische Frage lautet deshalb:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um in unserer freien Gesellschaft zu bestehen – und wie ermöglichen wir der breiten Mehrheit, diese Fähigkeiten tatsächlich zu erwerben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst wenn wir darauf eine überzeugende Antwort finden, wird Freiheit nicht mehr nur versprochen oder geschützt. Dann wird sie gelebt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und Arbeitsgrundlagen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">[1] Infratest dimap/MDR: Sachsen-Anhalt-Trend vom Juli 2026. AfD 41 Prozent, CDU 24 Prozent. Wahlumfragen bilden die politische Stimmung zum Erhebungszeitpunkt ab und sind keine Vorhersage des Wahlergebnisses.<br><a href="https://www.tagesschau.de/inland/regional/sachsenanhalt/news-infratest-dimap-afd-cdu-wahl-%2Cumfrage-kommentar-100.html">Tagesschau: Was die Umfrage über die Politik in Sachsen-Anhalt sagt</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[2] Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis. AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen; 2021 waren es 10,4 Prozent.<br><a href="https://bundeswahlleiterin.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2025/29_25_endgueltiges-ergebnis.html">Bundestagswahl 2025: Endgültiges Ergebnis</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[3] Fromm, Erich: <em>Escape from Freedom</em>, New York 1941; deutsch: <em>Die Furcht vor der Freiheit</em>. Analyse der psychischen Fluchtmechanismen in Autorität, Konformität und Destruktivität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[4] Fromm-Online: Werkverzeichnis und Informationen zum literarischen Nachlass Erich Fromms.<br><a href="https://fromm-online.org/werk/">Fromm-Online: Werk</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[5] Arbeitsgrundlagen: ChajmLibertus – Menschenbild; ChajmLibertus – Politik vom Menschen her; Gedankenfolge Angst → Furcht → Problemerkennung → Aufgabe → Handlung → Lösung → Erfahrung und Stärke.</p>
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			</item>
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		<title>Der goldene Käfig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 19:13:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Essays & Debatten]]></category>
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					<description><![CDATA[Deutschland ist wohlhabend, frei und umfassend abgesichert – dennoch fühlen sich viele Menschen ohnmächtig und unzufrieden. Der goldene Käfig beschreibt eine Ordnung, die schützt, aber eigene Wirksamkeit zu oft durch Betreuung, Regelung und Verwaltung ersetzt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum Deutschland so unzufrieden ist – und warum Politik wieder beim Menschen beginnen muss</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer heute sagt, Deutschland sei ein goldener Käfig, muss mit Widerspruch rechnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gold? Wirklich?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen erleben ihren Alltag anders. Sie sehen hohe Preise, steigende Mieten, volle Arztpraxen, überforderte Schulen, langsame Behörden, marode Brücken, verspätete Züge und eine Politik, die viel verspricht, aber wenig löst. Wer so lebt, will sich nicht anhören, dass er in einem goldenen Land sitzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Einwand ist berechtigt. Er führt nicht vom Thema weg. Er führt genau hinein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Es ist doch vieles Gold, auch wenn es nicht glänzt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Deutschland ist im Weltvergleich weiterhin eines der am besten gestellten Länder der Erde. Im Human Development Index der Vereinten Nationen steht Deutschland im Bericht 2025 auf Rang 5 weltweit. Vor Deutschland liegen nur Island, Norwegen, die Schweiz und Dänemark. Der Index misst nicht nur Einkommen. Er berücksichtigt auch Bildung und Lebenserwartung. [1]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch beim kaufkraftbereinigten Wohlstand liegt Deutschland weit über dem Weltdurchschnitt. Nach Weltbank-Daten kommt Deutschland 2024 auf rund 72.300 internationale Dollar pro Kopf. Der Weltwert liegt bei rund 24.526. Das ist fast das Dreifache. [2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist das Gold. Nicht, weil alles funktioniert. Nicht, weil jede Schule gut ist, jeder Zug pünktlich fährt und jede Behörde schnell arbeitet. Sondern weil Deutschland im weltweiten Vergleich noch immer über hohen Wohlstand, starke Rechte, dichte Absicherung, gute Lebenschancen und viele Schutzversprechen verfügt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn vieles viel besser werden muss, darf man dieses Gold nicht leugnen. Aber man darf es auch nicht verklären. Denn gerade ein reiches und abgesichertes Land kann eine besondere Form der Unzufriedenheit hervorbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die nächste Frage lautet daher: Warum fühlt sich so viel Schutz für viele Menschen nicht wie Freiheit an?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Erdrückende Fürsorge</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die andere Wahrheit lautet: Viele Menschen spüren den hohen Lebensstandard in ihrem Alltag immer weniger. Sie leben in einem reichen Land, aber fühlen sich nicht reich. Sie leben in einem stark abgesicherten Land, aber fühlen sich nicht sicher. Sie leben in einer Demokratie, aber haben immer seltener das Gefühl, etwas bewirken zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau hier beginnt die eigentliche Frage. Wie kann ein Land objektiv so weit oben stehen und sich subjektiv so festgefahren anfühlen? Wie kann eine Gesellschaft so viel Schutz, Wohlstand und Ordnung aufgebaut haben und trotzdem so viele Menschen hervorbringen, die müde, wütend oder ohnmächtig sind?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schriftstellerin Juli Zeh hat diese Stimmung in einer ZDF-Sendung mit zwei Worten zusammengefasst: „Alles scheiße.“ Der Satz ist grob. Aber er trifft ein verbreitetes Gefühl. [4]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist mehr als eine feuilletonistische Stimmung. Im April 2026 sagten 82 Prozent der von Ipsos Befragten, Deutschland bewege sich in die falsche Richtung. Besonders häufig nannten sie Armut und soziale Ungleichheit, Inflation und militärische Konflikte als Sorgen. [3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort liegt im Bild des goldenen Käfigs. Der Käfig ist nicht golden, weil in Deutschland alles glänzt. Das tut es nicht. Er ist golden, weil Wohlstand und Absicherung real sind. Zum Käfig wird er dort, wo Schutz in Bevormundung umschlägt, wo Verfahren wichtiger werden als Ergebnisse und wo Menschen sich nicht mehr als Handelnde erleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein System kann Menschen schützen und sie zugleich klein machen. Es kann Sicherheit geben und Verantwortung schwächen. Es kann vieles regeln und damit das Gefühl erzeugen, dass das eigene Handeln kaum noch zählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Gold ist Wohlstand und Absicherung. Der Käfig ist der Verlust an Selbstwirksamkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer das versteht, sieht auch klarer, warum die übliche Politik so oft ins Leere läuft. Sie behandelt Probleme meist als Verwaltungsfragen. Für Menschen werden sie dadurch aber nicht lösbarer.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wenn Probleme nicht mehr zu Aufgaben werden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Deutschland hat viele echte Probleme. Das Land muss Infrastruktur erneuern, Schulen verbessern, Wohnungen bauen, das Gesundheitswesen stabilisieren, Migration ordnen, Energie bezahlbar halten, die Verwaltung modernisieren und die Wirtschaft wieder stärker machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber viele Bürger erleben diese Aufgaben nicht als etwas, woran sie selbst mitwirken können. Sie erleben sie als große, ferne Vorgänge. Irgendwo soll eine Behörde zuständig sein. Irgendwo soll ein Ministerium ein Programm auflegen. Irgendwo soll eine Kommission prüfen. Irgendwo soll ein Gesetz geändert werden. Der einzelne Mensch kommt darin vor allem als Betroffener vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So verändert sich der Charakter von Problemen. Ein Problem, das Menschen gemeinsam lösen können, gibt Kraft. Es fordert heraus. Es verbindet. Es macht stolz, wenn es bewältigt ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Problem, das nur noch verwaltet wird, erzeugt etwas anderes: Warten, Ärger und Ohnmacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das geschieht zu oft. Wenn etwas nicht funktioniert, wird zuerst nach Zuständigkeiten gesucht, dann nach Verfahren, dann nach Geld und schließlich nach neuen Regeln. Der Bürger wird informiert, beteiligt, belastet oder beruhigt. Aber er erlebt zu selten, dass er selbst einen konkreten Beitrag leisten kann und dass dieser Beitrag sichtbar wirkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus einem handelnden Bürger wird so ein Adressat von Politik. Er erhält Bescheide, Hinweise, Förderbedingungen, Verbote, Ansprüche und Belehrungen. Er darf reagieren. Er darf zahlen. Er darf wählen. Er darf sich beschweren. Aber er wird zu selten als jemand angesprochen, der Verantwortung übernehmen und vor Ort etwas lösen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier liegt der Kern des Käfigs. Er besteht nicht aus offener Unterdrückung. Er besteht aus Regelung, Betreuung, Absicherung und Dauerverwaltung. Vieles davon ist notwendig. In der Summe kann daraus aber ein System entstehen, das Menschen kleiner macht, als sie sein müssten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb muss der Blick auf den Menschen selbst zurückgehen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist mehr als ein Versorgungsempfänger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Politik beginnt häufig beim System. Sie fragt nach Programmen, Etats, Zuständigkeiten, Zielgruppen und Kennzahlen. Das ist verständlich. Staaten müssen verwalten. Haushalte müssen geplant werden. Gesetze müssen gelten. Aber wenn Politik nur so denkt, verliert sie den Menschen aus dem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet nicht zuerst: Was kann der Staat noch regeln?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lautet: Was braucht der Mensch, um aufrecht zu leben? Wann wird er mutig? Wann übernimmt er Verantwortung? Wann lernt er? Wann wächst er? Wann fühlt er sich gebraucht? Wann wird er passiv?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist kein bloßer Versorgungsempfänger. Er ist auch kein isolierter Nutzenmaximierer. Er ist ein handelndes, lernendes, körperliches und soziales Wesen. Er braucht Schutz. Aber er braucht auch Anforderungen. Er braucht Rechte. Aber er braucht auch Pflichten. Er braucht Hilfe. Aber er braucht ebenso Aufgaben, an denen er merkt, dass er etwas kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Psychologie beschreibt diesen Zusammenhang seit Langem. Die Selbstbestimmungstheorie nennt Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als zentrale Bedürfnisse. Menschen wollen ihr Leben als eigenes Leben erfahren. Sie wollen nicht nur versorgt werden. Sie wollen handeln. Sie wollen dazugehören. Sie wollen spüren, dass ihr Tun Bedeutung hat. [5]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Erfahrung des sogenannten Flow zeigt etwas Einfaches: Menschen sind besonders zufrieden, wenn Herausforderung und Fähigkeit zusammenpassen. Eine Aufgabe darf nicht völlig überfordern. Dann entsteht Angst. Sie darf aber auch nicht belanglos sein. Dann entsteht Langeweile. Zufriedenheit entsteht dort, wo Menschen gefordert sind und zugleich erleben: Ich kann das schaffen. [6]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deutschland verfehlt diese Zone immer öfter. Der Staat nimmt Menschen vieles ab. Gleichzeitig fordert er sie ständig abstrakt: durch Abgaben, Pflichten, Nachweise, Regeln und moralische Appelle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist keine gute Zumutung. Eine gute Zumutung gibt Menschen eine Aufgabe, einen Spielraum und die Chance, Erfolg zu erleben. Genau daran muss sich auch der Sozialstaat messen lassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Sozialstaat muss befähigen, nicht ersetzen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sozialstaat ist nicht der Feind der Freiheit. Das wäre eine falsche Verkürzung. Ein guter Sozialstaat verhindert Absturz. Er sichert Krankheit, Alter, Behinderung, Arbeitslosigkeit und andere Lebensrisiken ab. Für viele Menschen wird Freiheit erst dadurch praktisch möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch ein guter Gedanke kann falsch organisiert werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Sozialstaat kann befähigen. Er kann Menschen stützen, damit sie wieder stehen. Er kann Sicherheit geben, damit sie Risiken eingehen. Er kann Übergänge sichern, damit Menschen arbeiten, lernen und neu anfangen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Sozialstaat kann aber auch Verantwortung ersetzen. Dann hält er Menschen in Verfahren. Er macht aus Lebenslagen Aktenlagen. Er hilft nicht zurück ins Handeln, sondern organisiert dauerhafte Betreuung. Er misst Fürsorge daran, wie viel verteilt wird, nicht daran, wie viele Menschen wieder selbst tragen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Sozialstaat ja oder nein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von Sozialstaat entspricht dem Menschen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein menschenrichtiger Sozialstaat sichert den Boden. Aber er ersetzt nicht das Gehen. Er hilft. Aber er entmündigt nicht. Er schützt vor Absturz. Aber er schützt nicht vor jeder Anstrengung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage ist nicht nur sozialpolitisch. Sie ist auch historisch. Deutschland hat bereits erlebt, was geschieht, wenn Freiheit als System vorhanden ist, aber viele Menschen sie nicht als eigene Gestaltungskraft erfahren.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine ostdeutsche Erfahrung wird gesamtdeutsch</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ostdeutschland hat diese Erfahrung früher und härter gemacht. Nach der Wende kam die Freiheit als großes Versprechen. Sie brachte Demokratie, Rechtsstaat, Reisefreiheit, Marktwirtschaft und offene Gesellschaft. Für viele Menschen kam sie aber zugleich als Bruch. Betriebe verschwanden. Berufe verloren ihren Wert. Lebensleistungen wurden neu bewertet. Gewohnte Sicherheiten brachen weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Formal war die Freiheit da. Praktisch fehlte vielen die Erfahrung, diese Freiheit auch gestalten zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist kein Vorwurf. Es ist eine politische und historische Beobachtung. Freiheit ist nicht nur ein System. Freiheit ist auch eine Fähigkeit. Sie braucht Übung, Vertrauen, Eigentumserfahrung, Verantwortungsräume und die Erfahrung, dass der eigene Einsatz zählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange wirkte diese Erfahrung vor allem ostdeutsch. Heute wird sie gesamtdeutsch. Auch im Westen erleben viele Menschen, dass sie formal frei sind, praktisch aber wenig bewegen können. Sie dürfen wählen, arbeiten, konsumieren und ihre Meinung sagen. Gleichzeitig erleben sie steigende Belastungen, komplizierte Verfahren, Dauerkrisen und Institutionen, denen sie immer weniger Lösungskraft zutrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie fühlen sich nicht unterdrückt. Sie fühlen sich übergangen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt die Verbindung zwischen der Nachwendegeschichte und der Gegenwart. Ostdeutschland zeigte früh, was geschieht, wenn ein freiheitliches System nicht als Selbstwirksamkeit erlebt wird. Der Westen erlebt nun eine mildere, aber breitere Variante dieser Entwicklung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der goldene Käfig ist damit gesamtdeutsch geworden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Flucht vor der Freiheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Aufstieg der AfD lässt sich teilweise vor diesem Hintergrund deuten. Er erklärt sich nicht allein aus einzelnen Themen wie Migration, Energie, Inflation oder Sicherheit. Diese Themen sind wichtig. Aber darunter liegt eine tiefere Bewegung. Viele Menschen fühlen sich von der Komplexität der Gegenwart überfordert. Sie erleben zu viele Probleme, zu viele Regeln, zu viele Krisen und zu wenig eigene Wirkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die AfD erreichte bei der Bundestagswahl 2025 bundesweit 20,8 Prozent der Zweitstimmen. Nach einer Wahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung lag sie in Ostdeutschland bei 32,0 Prozent und in Westdeutschland bei 18,0 Prozent. [7] [8]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das zeigt: Die politische Fluchtbewegung ist nicht mehr nur ostdeutsch. Sie ist gesamtdeutsch sichtbar geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Flucht beginnt nicht mit Hass. Sie beginnt oft mit Angst. Die moderne Welt bietet unendlich viele Möglichkeiten. Zugleich stellt sie Menschen vor Probleme, die kaum noch überschaubar sind: Krieg, Migration, Klima, Wirtschaft, Rente, Gesundheit, Bildung, Digitalisierung und Sicherheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer sich in dieser Welt nicht wirksam fühlt, erlebt Freiheit nicht als Einladung. Er erlebt sie als Last.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erich Fromm hat diese Bewegung als Flucht vor der Freiheit beschrieben. Der Mensch will frei sein. Aber Freiheit bedeutet auch Entscheidung, Verantwortung und die Möglichkeit des Scheiterns. Wenn diese Last zu groß wird, sucht der Mensch Schutz in Autorität, Konformität oder radikaler Vereinfachung. [9]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das ist politisch gefährlich. Aus einer unübersichtlichen Welt wird dann ein einfaches Bild. Aus komplexen Problemen werden eindeutige Schuldige. Aus notwendigen Abwägungen werden scheinbar klare Befehle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vereinfachung beruhigt, weil sie Ordnung verspricht. Aber sie spiegelt die Wahrheit nicht. Sie ersetzt Denken durch Richtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ruf nach Durchgreifen entsteht aus dieser Lage. Er ist nicht einfach der Wunsch nach Stärke. Er ist oft die Bitte eines verunsicherten Menschen, jemand anderes möge die Last der Freiheit übernehmen. Eine starke Kraft soll ordnen, entscheiden und schützen. Sie soll die Welt wieder klein genug machen, damit man sie aushält.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit wird auch klarer, was es bedeutet, die Tür des Käfigs zu öffnen. Es reicht nicht, die Tür aufzuschließen. Manche bleiben sitzen, weil draußen Verantwortung wartet. Andere treten hinaus, suchen aber nicht die offene Freiheit, sondern die schnelle Vereinfachung. Sie folgen denen, die versprechen, die Welt wieder klein und eindeutig zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheitliche Politik muss deshalb mehr leisten als Entlastung. Sie muss Menschen wieder befähigen, Freiheit auszuhalten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was politisch daraus folgt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dieser Diagnose folgt kein Ruf nach Kälte. Es folgt auch kein Ruf nach bloßer Härte. Wenn Angst, Überforderung und verlorene Selbstwirksamkeit das Problem sind, dann reicht politische Strenge nicht aus. Menschen müssen nicht nur gefordert werden. Sie müssen wieder in die Lage kommen, Anforderungen zu bestehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erwachsene Politik nimmt Menschen ernst. Sie traut ihnen etwas zu. Sie schützt sie vor existenzieller Not, aber nicht vor jeder Anstrengung. Sie ordnet nicht jede Schwierigkeit weg. Sie macht aus Schwierigkeiten wieder Aufgaben, an denen Menschen wachsen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das beginnt bei der Arbeit. Arbeit ist nicht nur Einkommen. Sie ist Würde, Beitrag, Tagesstruktur und Erfahrung von Können. Wer arbeiten kann, sollte Arbeit nicht als Strafe erleben und Nichtarbeit nicht als bequeme Dauerlösung. Der Staat muss helfen, Hindernisse zu beseitigen. Aber er muss auch klar sagen: Wer beitragen kann, muss beitragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es betrifft die Bildung. Schule darf Kinder nicht nur betreuen. Sie muss Können erzeugen. Sie muss Sprache, Rechnen, Konzentration, Disziplin, Urteilskraft und Verantwortung lehren. Sie darf Schwache nicht verlieren. Aber sie darf sich auch nicht am kleinsten gemeinsamen Nenner ausrichten. Menschen wachsen nicht daran, dass man jede Anforderung senkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es betrifft Unternehmer und Selbstständige. Wer gründet, übernimmt Verantwortung. Er riskiert Geld, Zeit, Kraft und Ruf. Eine Gesellschaft, die Selbstwirksamkeit stärken will, darf Gründer nicht zuerst als Risiko für die Verwaltung behandeln. Sie muss Gründung einfacher machen. Sie muss Erfolg anerkennen. Sie muss Eigentum als Verantwortungsform verstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es betrifft die Kommunen. Menschen erleben politische Wirksamkeit zuerst vor Ort: in der Straße, im Dorf, in der Schule, im Verein, bei der Feuerwehr, im Betrieb und im Stadtteil. Dort sehen sie, ob ihr Handeln etwas verändert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb brauchen Kommunen echte Spielräume. Und deshalb sind Ehrenamt, Vereine, Freiwillige Feuerwehr, Katastrophenschutz und lokale Projekte keine Randthemen. Sie sind Infrastruktur der Freiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es betrifft schließlich die Verwaltung selbst. Ein Staat, der Menschen befähigen will, muss verständlicher werden. Er muss schneller werden. Er muss weniger Misstrauen in seine Verfahren einbauen. Er muss nicht jede Lebenslage bis ins Letzte regeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vertrauen ist kein romantischer Begriff. Vertrauen ist eine Produktivkraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Maßstab guter Politik wäre dann ein anderer. Nicht: Wie viel kann der Staat verteilen? Nicht: Wie viele Programme kann er ankündigen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sondern: Wie viele Menschen kommen durch Politik wieder in die Lage, ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Umgebung und ihr Land aktiv mitzugestalten?</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dieser Frage entscheidet sich nicht nur Lebenszufriedenheit. An ihr entscheidet sich auch die Kraft der Demokratie.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Demokratie wächst mit starken Bürgerinnen und Bürgern</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der goldene Käfig ist nicht nur ein seelisches Problem. Er ist ein demokratisches Problem. Eine Gesellschaft, die Menschen dauerhaft schützt, ohne sie handeln zu lassen, schwächt ihre Bürger. Sie gibt ihnen Rechte, aber zu wenig Erfahrung mit Verantwortung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demokratie lebt nicht vom betreuten Bürger. Sie lebt vom verantwortlichen Bürger. Sie braucht Menschen, die mitreden, mitarbeiten, widersprechen, gründen, helfen, entscheiden und für Folgen einstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer Demokratie erhalten will, darf Bürger deshalb nicht nur beruhigen, betreuen oder moralisch ansprechen. Er muss ihnen konkrete Handlungsräume eröffnen. Demokratie bleibt nur lebendig, wenn Menschen erleben, dass ihr Tun zählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau hier beginnt die Frage nach der offenen Tür.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Mehr Freiheit wagen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Udo Lindenberg hat einmal gesungen: „Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los.“ Genau darum geht es. Eine freie Gesellschaft darf Menschen nicht nur schützen. Sie muss ihnen auch ermöglichen, ihr Leben zu ergreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu braucht es Politik, die den Menschen mehr zutraut. Es braucht eine Verwaltung, die nicht zuerst misstraut, sondern ermöglicht. Und es braucht Bürgerinnen und Bürger, die Freiheit nicht nur als Anspruch verstehen, sondern als Einladung zur Verantwortung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deutschland steht dabei nicht vor dem Untergang. Es steht vor einer historischen Chance. Selten waren die rechtlichen, technischen, wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten größer. Selten gab es so viele gebildete Menschen, so viel Wohlstand, so viele Werkzeuge und so viele offene Wege.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage ist nicht, ob Deutschland noch kann. Die Frage ist, ob es sich wieder traut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür muss der goldene Käfig nicht eingerissen werden. Sein Gold ist wertvoll. Rechtsstaat, soziale Sicherheit, Bildung, Wohlstand und demokratische Ordnung sind keine Hindernisse. Sie sind der Boden, auf dem Freiheit wachsen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber dieser Boden darf nicht zu einem Netz werden, das Menschen festhält. Er muss tragen, damit Menschen gehen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser Grundgesetz muss dafür nicht neu erfunden werden. Es enthält bereits den weiten Gedanken einer freien, verantwortlichen und menschenwürdigen Ordnung. Was sich ändern muss, ist die Haltung, mit der wir diese Ordnung auslegen und leben:</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weniger Misstrauen. Mehr Zutrauen. Weniger Verwaltung des Menschen. Mehr Befähigung des Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Willy Brandt sagte einst, wir sollten mehr Demokratie wagen. Heute müssen wir mehr Freiheit wagen. Nicht als Rückzug des Staates. Nicht als Kälte gegenüber Schwachen. Sondern als gemeinsame Aufgabe: Politik muss Freiheit ermöglichen. Verwaltung muss Freiheit erleichtern. Und wir selbst müssen bereit sein, Freiheit wieder zu nutzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der goldene Käfig öffnet sich nicht durch ein einzelnes Gesetz. Er öffnet sich, wenn ein Land seinen Bürgern wieder sagt: Ihr werdet gebraucht. Ihr könnt etwas. Eure Arbeit zählt. Eure Verantwortung zählt. Euer Mut zählt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dann wird aus Unzufriedenheit wieder Kraft. Aus Angst wird Handlung. Aus Betreuung wird Beteiligung. Und aus einem reichen, aber erschöpften Land kann wieder eine freie, selbstbewusste Gesellschaft werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellen und Arbeitsgrundlagen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">[1] UNDP: Human Development Report 2025; Country Insights / Human Development Index. Deutschland Rang 5 im Bericht 2025; vor Deutschland liegen Island, Norwegen, die Schweiz und Dänemark.<br><a href="https://hdr.undp.org/content/human-development-report-2025">https://hdr.undp.org/content/human-development-report-2025</a><br><a href="https://hdr.undp.org/data-center/country-insights">https://hdr.undp.org/data-center/country-insights</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[2] World Bank: GDP per capita, PPP (current international $), Indicator NY.GDP.PCAP.PP.CD. Deutschland 2024 rund 72.300 internationale Dollar; Welt 2024 rund 24.526 internationale Dollar.<br><a href="https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD?locations=DE">https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD?locations=DE</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[3] Ipsos: Sorgenbarometer April 2026, veröffentlicht am 6. Mai 2026. Unter anderem: 82 Prozent der Deutschen sehen das Land auf falschem Kurs; Armut und soziale Ungleichheit 36 Prozent, Inflation 31 Prozent, militärische Konflikte 31 Prozent.<br><a href="https://www.ipsos.com/de-de/sorgenbarometer-april-2026">https://www.ipsos.com/de-de/sorgenbarometer-april-2026</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[4] ZDFheute: Juli Zeh bei Markus Lanz zur Stimmung im Land, veröffentlicht am 5. Juni 2026.<br><a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-zeh-martenstein-regierungsparteien-stimmung-deutschland-100.html">https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-zeh-martenstein-regierungsparteien-stimmung-deutschland-100.html</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[5] Ryan, Richard M. / Deci, Edward L.: Self-Determination Theory. Zentrale psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[6] Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow-Konzept. Zufriedenheit entsteht besonders dort, wo Herausforderung und Fähigkeit in ein produktives Verhältnis treten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[7] Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis. AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen und zweitstärkste Kraft.<br><a href="https://bundeswahlleiterin.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2025/29_25_endgueltiges-ergebnis.html">https://bundeswahlleiterin.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2025/29_25_endgueltiges-ergebnis.html</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[8] Konrad-Adenauer-Stiftung: Bundestagswahl in Deutschland 2025, Wahlanalyse. AfD in Ostdeutschland 32,0 Prozent, in Westdeutschland 18,0 Prozent.<br><a href="https://www.kas.de/documents/252038/33607021/Bundestagswahl+in+Deutschland+2025.pdf">https://www.kas.de/documents/252038/33607021/Bundestagswahl+in+Deutschland+2025.pdf</a></p>



<p class="wp-block-paragraph">[9] Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Analyse der Fluchtbewegungen in Autorität, Konformität und destruktive Vereinfachung; zuerst erschienen 1941 als Escape from Freedom.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[10] Arbeitsgrundlage: ChajmLibertus, Politik vom Menschen her denken, Arbeitsnotiz.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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					<wfw:commentRss>https://www.chajmlibertus.de/der-goldene-kafig/feed/</wfw:commentRss>
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		<title>Politik vom Menschen her</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 16:45:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Grundlagen]]></category>
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					<description><![CDATA[Staat, Wirtschaft und gesellschaftliche Institutionen sind keine Selbstzwecke. Politik vom Menschen her prüft sie danach, ob sie konkrete Probleme lösen und ein selbstbestimmtes, verantwortliches und friedliches Zusammenleben ermöglichen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Politik beginnt meist bei Systemen. Sie spricht über Haushalte, Gesetze, Zuständigkeiten, Verfahren, Programme und Institutionen. All das ist notwendig. Doch bevor über die richtige Ausgestaltung eines Systems entschieden wird, muss eine grundlegendere Frage beantwortet werden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wozu ist es da?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für ChajmLibertus ist die Antwort eindeutig: Gesellschaft und Politik sind für den Menschen da. Sie sollen ihm ein gelingendes Leben in einer friedlichen Gemeinschaft ermöglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das klingt selbstverständlich. Im politischen Alltag ist es das nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Systeme entwickeln eigene Interessen und eine eigene Logik. Verwaltungen sichern Verfahren ab. Parteien kämpfen um Macht und Zustimmung. Unternehmen verfolgen Kennzahlen. Verbände verteidigen die Interessen ihrer Mitglieder. Sozialordnungen verwalten Leistungen und Ansprüche.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ursprünglich einem menschlichen Zweck dienen sollte, kann sich zunehmend mit dem eigenen Fortbestand beschäftigen. Der Mensch erscheint dann nicht mehr als Ausgangspunkt und Ziel, sondern als Antragsteller, Wählersegment, Kunde, Leistungsempfänger, Steuerfall oder statistischer Wert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her stellt deshalb die Zweckfrage neu.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist nicht für das System da</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Staat, Wirtschaft und gesellschaftliche Institutionen sind keine Organismen mit einem eigenen höheren Zweck. Sie wurden von Menschen geschaffen, um Aufgaben zu erfüllen, die Einzelne nicht allein bewältigen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Staat soll Recht, Frieden und Sicherheit gewährleisten. Er soll vor Übermacht schützen, gemeinsame Angelegenheiten ordnen und verlässliche Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben schaffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wirtschaft soll Menschen versorgen, Arbeit ermöglichen, Fähigkeiten nutzbar machen und aus Ideen tragfähige Lösungen entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bildung soll junge Menschen nicht nur durch Prüfungen führen, sondern ihnen helfen, Wirklichkeit zu verstehen, selbst zu urteilen und verantwortlich zu handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sozialstaat soll vor existenzieller Not schützen und Menschen tragen, wenn die eigenen Kräfte oder das persönliche Umfeld nicht ausreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demokratie soll Unterschiede friedlich ordnen und den Bürgern ermöglichen, an der Gestaltung des Gemeinsamen mitzuwirken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Alle diese Systeme haben einen menschlichen Zweck. Verlieren sie ihn aus dem Blick, werden Verfahren wichtiger als Ergebnisse, Zuständigkeiten wichtiger als Lösungen und institutionelle Interessen wichtiger als das Leben der Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Funktioniert das System nach seinen eigenen Regeln?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lautet:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was bewirkt es im Leben der Menschen?</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Politik kann Gelingen ermöglichen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein gelingendes Leben lässt sich politisch weder herstellen noch verordnen. Menschen haben unterschiedliche Begabungen, Bedürfnisse, Bindungen, Überzeugungen und Vorstellungen vom guten Leben. Ein freiheitlicher Staat darf ihnen kein einheitliches Lebensmodell vorgeben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch ist Politik nicht neutral gegenüber den Bedingungen des Lebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen brauchen Frieden, Sicherheit, Bildung, medizinische Versorgung und Schutz vor Willkür. Sie brauchen Beziehungen und Zugehörigkeit, aber auch persönlichen Raum. Sie benötigen Hilfe, wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen, und Aufgaben, an denen sie ihre Kräfte erfahren können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein gelingendes Leben ist deshalb nicht einfach ein bequemes oder schwierigkeitfreies Leben. Es ist ein Leben, in dem ein Mensch seine Fähigkeiten entfalten, tragfähige Bindungen eingehen, Verantwortung übernehmen und sich als wirksam erfahren kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik kann dieses Gelingen nicht liefern. Sie kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihr Leben selbst und gemeinsam mit anderen führen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit ist auch die Grenze der Politik bestimmt: Sie darf den Menschen nicht zum Objekt eines staatlich definierten Glücks machen. Ihr Auftrag besteht nicht darin, sein Leben zu führen. Sie soll ihm ermöglichen, es selbst zu führen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Schutz und eigene Handlungsfähigkeit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist verletzlich. Krankheit, Armut, Gewalt, persönliche Krisen und ungünstige Ausgangsbedingungen können seine Möglichkeit zur Teilhabe erheblich einschränken. Deshalb braucht eine menschliche Gesellschaft Schutz und Solidarität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Mensch ist nicht nur verletzlich. Er kann lernen, urteilen, handeln und Verantwortung übernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her muss beide Seiten beachten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer allein auf Eigenverantwortung setzt, übersieht reale Not, ungleiche Voraussetzungen und tatsächliche Überforderung. Freiheit droht dann zur Freiheit der ohnehin Starken zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer den Menschen dagegen fast ausschließlich als schutzbedürftig betrachtet, kann ihn in seiner Bedürftigkeit festhalten. Hilfe wird dann nicht mehr zur Brücke zurück in eigenes Handeln, sondern zu einer dauerhaften Rolle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die politische Aufgabe liegt in der Verbindung:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Schutz, wo Schutz notwendig ist. Eigene Aufgabe und Verantwortung, wo sie möglich und zumutbar sind.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist kein Rückzug des Staates. Es ist ein anspruchsvollerer Maßstab für seine Hilfe. Unterstützung muss Sicherheit geben, ohne den Menschen unnötig kleinzuhalten. Wo es möglich ist, soll sie ihm helfen, eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt der Gedanke des Befähigungsstaates. Er ersetzt den Rechts- und Sozialstaat nicht, sondern ergänzt deren Perspektive. Er fragt nicht nur, welche Leistungen bereitgestellt werden, sondern auch, was diese Leistungen beim Menschen bewirken.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Gute Absichten reichen nicht</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Politische Maßnahmen werden häufig nach ihren Absichten beurteilt. Eine Regelung gilt als gut, weil sie schützen, fördern, entlasten oder Gerechtigkeit schaffen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch eine gute Absicht ist noch keine gute Wirkung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Leistung kann kurzfristig entlasten und langfristig Abhängigkeit fördern. Eine Schutzregel kann einen konkreten Nachteil ausgleichen und zugleich andere Menschen oder Institutionen unverhältnismäßig belasten. Eine Förderung kann Initiative ermöglichen oder hauptsächlich denen helfen, die Förderanträge besonders gut beherrschen. Eine Vorschrift kann Sicherheit schaffen oder jede eigene Verantwortung durch Absicherung ersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her prüft Maßnahmen deshalb nicht nur nach ihrer moralischen Begründung, sondern nach ihren tatsächlichen und vorhersehbaren Folgen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vier Fragen sind dabei entscheidend:</p>



<ol start="1" class="wp-block-list">
<li>Welches konkrete menschliche Problem soll gelöst werden?</li>



<li>Verbessert die Maßnahme tatsächlich die Lebens- oder Handlungsfähigkeit der Betroffenen?</li>



<li>Welche Folgen entstehen für andere Menschen und für das Gemeinsame?</li>



<li>Ist die Lösung dauerhaft tragfähig – sozial, wirtschaftlich und ökologisch?</li>
</ol>



<p class="wp-block-paragraph">Damit tritt neben Schutz und Wirksamkeit ein weiterer Maßstab: die Zumutbarkeit. Nicht jede denkbare Verbesserung kann ohne Rücksicht auf Aufwand, Nebenwirkungen und Belastungen verlangt werden. Eine politische Lösung muss den konkreten Nachteil ernst nehmen und zugleich für das Gemeinwesen tragbar bleiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Nachhaltigkeit ist kein zusätzliches Politikfeld neben dem Menschen. Sie folgt unmittelbar aus seinem Leben und seiner Verantwortung. Wasser, Luft, Boden, Nahrung und ein bewohnbares Klima sind die natürlichen Voraussetzungen jedes gelingenden Lebens. Ein heutiger Vorteil, dessen Kosten andere Menschen, kommende Generationen oder die natürlichen Lebensgrundlagen tragen müssen, ist keine tragfähige Lösung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Wirtschaft ist ein Hilfsmittel</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auch die Wirtschaft muss von ihrem menschlichen Zweck her betrachtet werden. Markt, Wettbewerb und Wachstum sind keine Selbstzwecke. Sie sind Mittel, um Versorgung zu sichern, Arbeit zu organisieren, Fähigkeiten wirksam werden zu lassen und neue Lösungen hervorzubringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Wirtschaft, die gute Kennzahlen erzeugt, dabei aber Menschen, Regionen oder Natur verbraucht, ist nur erfolgreich auf Zeit. Umgekehrt kann eine Wirtschaft ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn politische Anforderungen ihr die Grundlage für Investition, Innovation und tragfähiges Arbeiten entziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her ist deshalb weder wirtschaftsfeindlich noch wirtschaftshörig. Sie fragt, ob wirtschaftliche Ordnung dem Menschen dient und dauerhaft tragfähig ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wirtschaft ist ein Hilfs- und Versorgungsinstrument für die Menschen – nicht umgekehrt.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Demokratie braucht Bürger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her richtet sich nicht nur an Regierungen und Verwaltungen. Demokratie lebt von Bürgern, die urteilen, Verantwortung übernehmen und das Gemeinsame mitgestalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Demokratie stellt dafür Regeln, Verfahren und Leitplanken bereit. Aber sie ersetzt nicht den Menschen, der handelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist wie eine Kegelbahn: Die Bahn schafft einen geordneten Raum und gibt Regeln vor. Doch die Kugel kommt nicht von selbst ins Rollen. Der Bürger muss sie in die Hand nehmen, ein Ziel anvisieren und den Wurf wagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Parteien bleiben dafür notwendig. Sie bündeln Interessen, entwickeln Programme und organisieren demokratische Entscheidungen. Doch sie verfehlen ihren Zweck, wenn sie Menschen nur als Zielgruppen behandeln, Konflikte vor allem zur Lagerbildung nutzen und den eigenen Machterhalt über die Lösung gemeinsamer Probleme stellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Parteien sollen Unterschiede sichtbar machen. Aber sie müssen diese Unterschiede auf ein tragfähiges Gemeinsames hin ordnen. Ihr Auftrag ist nicht die größtmögliche Auseinanderdefinition der Gesellschaft, sondern demokratische Willensbildung für das größtmögliche gelingende Miteinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der politische Gegner ist dabei kein Feind. Er vertritt eine andere Sicht auf die gemeinsame Wirklichkeit. Demokratie braucht Streit, aber einen Streit, der das Gemeinsame nicht zerstört.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der politische Prüfmaßstab</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Politik vom Menschen her ist kein fertiges Parteiprogramm. Sie löst politische Zielkonflikte nicht im Voraus. Freiheit und Sicherheit, Schutz und Verantwortung, Individualität und Gemeinschaft, Gegenwart und Nachhaltigkeit müssen immer wieder neu ins Verhältnis gesetzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">ChajmLibertus bietet dafür einen Maßstab:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Dient ein System noch seinem menschlichen Zweck?</li>



<li>Behandelt es Menschen als verantwortungsfähige Personen oder nur als zu verwaltende Fälle?</li>



<li>Schützt es, ohne unnötig kleinzumachen?</li>



<li>Ermöglicht es eigene Handlungsfähigkeit und gemeinsame Verantwortung?</li>



<li>Ist die Belastung für Betroffene und Gemeinschaft zumutbar?</li>



<li>Entstehen Lösungen, die sozial, wirtschaftlich und ökologisch tragfähig sind?</li>



<li>Trägt das Handeln zu einem friedlichen Zusammenleben bei?</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Prüfung schützt Politik auch vor der Versuchung, moralische Gewissheit mit politischer Qualität zu verwechseln. Entscheidend ist nicht allein, wie gut eine Maßnahme gemeint ist. Entscheidend ist, ob sie ein konkretes Problem löst und das gemeinsame Leben verbessert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am Ende zeigt sich die Qualität von Politik nicht daran, wie geschlossen ihre Programme klingen, wie umfangreich ihre Verfahren sind oder wie moralisch ihre Absichten erscheinen. Sie zeigt sich im Leben der Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gute Politik schafft nicht das gelingende Leben. Sie schafft Bedingungen, unter denen Menschen es selbst und gemeinsam mit anderen führen können.</strong></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
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		<title>Nach der Befreiung kommt die Befähigung</title>
		<link>https://www.chajmlibertus.de/nach-der-befreiung-kommt-die-befahigung-die-faust-erkenntnis-der-zweiten-moderne/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 14:25:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Grundlagen]]></category>
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					<description><![CDATA[Die erste Moderne hat den Menschen von vielen äußeren Zwängen befreit. Die zweite stellt ihn vor eine neue Aufgabe: Er muss lernen, seine Freiheit selbst zu führen – unterstützt durch eine Gesellschaft, die ihn schützt, ohne ihn kleinzuhalten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Faust-Erkenntnis der zweiten Moderne</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Moderne hat vieles zurückgedrängt, was den Menschen über Jahrhunderte niederdrückte: politische Willkür, ständische Enge, religiöse Bevormundung, fehlende Bildung, unzureichende medizinische Versorgung und die nahezu vollständige Abhängigkeit von Herkunft und Stand. Hunger, Not und Unfreiheit sind nicht verschwunden. Aber sie haben in der westlichen Welt viel von ihrer früheren Macht verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist ein großer Fortschritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch dieser Fortschritt hat ein neues Problem sichtbar gemacht: Der Mensch ist nicht automatisch stark, nur weil er von alten Zwängen befreit wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit allein gibt weder Richtung noch Halt. Sie füllt kein Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wo äußere Umstände nicht mehr alles vorgeben, muss der Mensch häufiger selbst urteilen, entscheiden und für die Folgen seines Handelns einstehen. Er muss lernen, seine Möglichkeiten zu ordnen, Bindungen einzugehen, Aufgaben zu erkennen und seinem Leben aus eigener Kraft eine Richtung zu geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher führten häufig die Umstände. Heute muss der Mensch sich stärker selbst führen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist ein Fortschritt – und zugleich eine Zumutung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Freiheit muss täglich ergriffen werden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Goethe lässt Faust am Ende seines Lebens zu einer Einsicht gelangen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit ist danach kein Zustand, den man einmal erreicht und anschließend besitzt. Sie muss immer wieder ergriffen, ausgefüllt und im eigenen Leben wirksam gemacht werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt die Faust-Erkenntnis der zweiten Moderne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Moderne hat den Menschen aus vielen äußeren Abhängigkeiten befreit. Sie hat Rechte erkämpft, Herrschaft begrenzt, Bildung geöffnet, soziale Sicherung geschaffen und individuelle Lebensmöglichkeiten erweitert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Moderne steht vor einer anderen Aufgabe. Sie muss nicht vor allem weitere äußere Fesseln lösen. Sie muss lernen, mit der bereits gewonnenen Freiheit umzugehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kann dem Menschen niemand abnehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die erste Moderne hat den Menschen befreit. In der zweiten Moderne muss er lernen, seine Freiheit selbst zu führen und wirksam zu füllen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Politik und Gesellschaft können diese Aufgabe nicht für ihn erledigen. Aber sie müssen Bedingungen schaffen, unter denen Menschen an ihr wachsen können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Befähigung ist keine neue Bevormundung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff der Befähigung kann missverstanden werden. Er könnte so klingen, als wüssten Staat, Politik oder Experten besser, wie der Mensch zu leben habe. Als müsse der noch unfertige Bürger von außen geformt, erzogen und an ein vorgegebenes Ziel geführt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist nicht gemeint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Befähigung im Sinne von ChajmLibertus beginnt mit dem Zutrauen in den Menschen. Sie nimmt ihn als ein Wesen ernst, das urteilen, lernen, handeln und Verantwortung übernehmen kann. Sie setzt nicht an die Stelle alter Herrschaft eine neue pädagogische Führung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch soll nicht zum Objekt seiner Befähigung werden. Er ist deren handelndes Subjekt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er entwickelt seine Fähigkeiten, indem er Wirklichkeit wahrnimmt, Entscheidungen trifft, Aufgaben übernimmt, Widerstände aushält und die Folgen seines Handelns erfährt. Er lernt nicht allein durch Belehrung, sondern durch eigenes Tun. Aus einer gelösten Aufgabe entsteht Erfahrung. Aus Erfahrung entstehen Können und neues Zutrauen in die eigene Wirksamkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Befähigung ist deshalb im Kern Selbstbefähigung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch alles allein schaffen muss. Niemand beginnt voraussetzungslos. Menschen brauchen Schutz, Bildung, Gemeinschaft, verlässliche Regeln und Hilfe in Situationen, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Unterstützung darf den Menschen nicht dauerhaft auf die Rolle des Unterstützten festlegen. Sie muss, soweit es möglich ist, den Weg zurück in eigenes Handeln offenhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine menschliche Gesellschaft lässt niemanden fallen. Eine freiheitliche Gesellschaft hält aber auch niemanden kleiner, als er sein müsste.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die neue Aufgabe der Systeme</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus ergibt sich ein veränderter Maßstab für Politik, Staat, Bildung, Wirtschaft und Sozialordnung:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Schaffen unsere Systeme Bedingungen, unter denen Menschen selbst handlungsfähiger werden können? Oder richten sie Menschen dauerhaft in Erwartung, Passivität und Abhängigkeit ein?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage richtet sich nicht gegen Schutz und soziale Sicherung. Beides sind Errungenschaften der Moderne. Menschen können ihre Freiheit nur nutzen, wenn ihr Leben, ihre Würde und ihre grundlegende Teilhabe geschützt sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Schutz darf nicht zum einzigen politischen Menschenbild werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer den Menschen nur als gefährdet, überfordert oder versorgungsbedürftig betrachtet, nimmt nur einen Teil von ihm wahr. Der Mensch ist verletzlich, aber er ist auch lernfähig. Er ist auf andere angewiesen, aber er kann Verantwortung übernehmen. Er braucht Entlastung, aber ebenso Aufgaben, an denen er seine eigenen Kräfte erfährt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Systeme der zweiten Moderne müssen deshalb zweierlei leisten: Sie müssen schützen, wo Schutz notwendig ist, und eigene Handlungsfähigkeit ermöglichen, wo sie entstehen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine solche Ordnung löst nicht jedes Problem für den Menschen. Sie hilft ihm, Probleme selbst erkennen, untersuchen und bewältigen zu können. Sie nimmt ihm nicht jede Zumutung ab. Sie sorgt dafür, dass Zumutungen tragbar bleiben und Anstrengung wieder zu einem erkennbaren Ergebnis führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Staat wird dadurch weder schwach noch gleichgültig. Er erhält eine anspruchsvollere Aufgabe. Er soll Recht und Sicherheit gewährleisten, vor Übermacht schützen und dort helfen, wo Menschen oder Gemeinschaften überfordert sind. Zugleich soll er vermeiden, durch unnötige Bevormundung und undurchdringliche Verfahren die eigene Wirksamkeit der Bürger zu ersticken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein solcher Staat ist nicht nur Schutz- und Versorgungsstaat. Er wird zum Befähigungsstaat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Erfolg zeigt sich nicht allein daran, wie viele Leistungen er verteilt oder wie viele Verfahren er eingerichtet hat. Er zeigt sich auch daran, ob Menschen nach seiner Hilfe wieder eher in der Lage sind, ihr Leben selbst zu führen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die doppelte Freiheit</h2>



<p class="wp-block-paragraph">ChajmLibertus steht damit für eine doppelte Freiheit:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li>frei von unnötiger Herrschaft;</li>



<li>frei zur eigenen Aufgabe.</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Die erste Freiheit schützt den Menschen vor Willkür, Zwang und Übermacht. Sie ist die große Errungenschaft der Moderne und bleibt unverzichtbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Freiheit zeigt sich darin, ob der Mensch seine Möglichkeiten tatsächlich nutzen kann. Sie braucht Urteilsvermögen, Selbstführung, Verantwortung, Bindung und die Erfahrung eigener Wirksamkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Seiten gehören zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit ohne Schutz kann zur Herrschaft der Stärkeren werden. Schutz ohne eigene Aufgabe kann in Passivität und Abhängigkeit führen. Erst wenn Menschen geschützt und zugleich handlungsfähig sind, kann aus äußerer Freiheit ein gelingendes Leben entstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese doppelte Freiheit ist keine Aufforderung zur Selbstoptimierung. Der Mensch muss nicht immer leistungsfähiger, schneller oder erfolgreicher werden. Er darf schwach sein, zweifeln, scheitern und Hilfe benötigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend ist etwas anderes: Er darf nicht dauerhaft von der Erfahrung abgeschnitten werden, selbst etwas bewirken zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der starke Mensch im Sinne von ChajmLibertus ist deshalb nicht der harte oder rücksichtslose Mensch. Es ist der Mensch, der lernt, mit Angst, Zweifel, Schwäche und Wirklichkeit umzugehen. Er muss nicht alles können. Aber er soll sich selbst etwas zutrauen können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Reifeprüfung der zweiten Moderne</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die große Frage unserer Zeit lautet nicht nur:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie schützen wir Menschen vor Zumutungen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie lautet ebenso:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen lernen können, mit Zumutungen umzugehen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht jede Zumutung ist ungerecht. Manche Aufgabe ist notwendig. Manche Anstrengung lässt einen Menschen wachsen. Manche Grenze gibt mehr Richtung als ein unendliches Feld von Möglichkeiten. Manche Verantwortung richtet den Menschen auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Gesellschaft, die jede Schwierigkeit ausschließlich als Belastung versteht, nimmt dem Menschen den Ort, an dem er seine Kräfte entdecken kann. Eine Gesellschaft, die nur Ansprüche organisiert, verliert die Bedeutung eigener Leistung und gemeinsamer Verantwortung aus dem Blick.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umgekehrt wäre es unmenschlich, Menschen mit ihren Problemen allein zu lassen und Selbstbefähigung als Vorwand für sozialen Rückzug zu verwenden. Wer nicht handeln kann, braucht Schutz und Hilfe. Wer wieder handeln kann, braucht Gelegenheit, Verantwortung zurückzugewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Moderne muss beides zusammenführen: eine tragfähige Gemeinschaft und einen handlungsfähigen Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Reifeprüfung lautet: Kann der äußerlich freie Mensch lernen, seine Freiheit selbst wirksam zu füllen – nicht durch dauerhafte Ablenkung, Empörung oder Abhängigkeit, sondern durch Wirklichkeitssinn, Aufgabe, Verantwortung und nachhaltige Gestaltung?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Entwicklung lässt sich nicht verordnen. Politik kann Selbstführung nicht herstellen. Verwaltung kann Verantwortung nicht zuteilen. Bildung kann Erfahrung nicht vollständig ersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber eine Gesellschaft kann Räume öffnen, in denen Menschen handeln und die Folgen ihres Handelns erfahren. Sie kann Anstrengung wieder lohnend machen. Sie kann Hilfe so gestalten, dass sie aufrichtet. Und sie kann dem Menschen zutrauen, Urheber, Gestalter und Ziel gesellschaftlicher Entwicklung zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nach der Befreiung kommt die Befähigung. Ihr Ziel ist ein Mensch, der seine Freiheit nicht nur besitzt, sondern sie selbst wirksam leben kann.</strong></p>
]]></content:encoded>
					
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			</item>
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		<title>Das Menschenbild von ChajmLibertus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 08:24:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Grundlagen]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine Gesellschaft und ihre Politik sind nur für eines da: Sie sollen den Menschen ein gelingendes Leben in einer friedlichen Gemeinschaft ermöglichen. Deshalb muss alles vom Menschen her gedacht werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Politik beruht immer auf einer Vorstellung vom Menschen. Das gilt auch dann, wenn sie diese Vorstellung nicht ausdrücklich benennt. Wer Gesetze macht, staatliche Hilfe organisiert, Arbeit besteuert oder Verantwortung verteilt, trifft Annahmen darüber, was Menschen brauchen, was ihnen zuzutrauen ist und was sie selbst leisten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">ChajmLibertus geht von einem Menschen aus, der Schutz und Gemeinschaft braucht, zugleich aber tätig sein und sein Leben mitgestalten will. Er kann schwach, überfordert und auf Hilfe angewiesen sein. Er kann jedoch auch lernen, Verantwortung übernehmen und an Aufgaben wachsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Politik vom Menschen her muss beide Seiten ernst nehmen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch will leben – einfach gut leben</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist zunächst ein Lebewesen mit grundlegenden Bedürfnissen. Er braucht Nahrung, Schutz, Sicherheit, Bewegung, Zugehörigkeit und die Nähe anderer Menschen. Er versucht Gefahren zu vermeiden, seine Kräfte einzuteilen und unnötige Anstrengungen zu umgehen. Das ist kein menschlicher Mangel, sondern Teil seiner Natur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über lange Zeit war das Leben vom Mangel geprägt. Nahrung, Wärme und Sicherheit waren nicht selbstverständlich. Es war sinnvoll, Kräfte zu sparen und erreichbare Vorteile zu nutzen. Diese Neigung ist bis heute in uns wirksam. Wenn Menschen ein Ziel ohne eigene Anstrengung erreichen können, werden viele diese Möglichkeit wählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Mensch will nicht nur versorgt sein. Er möchte handeln, etwas bewirken und erleben, dass sein Tun einen Unterschied macht. Er will Fähigkeiten entwickeln, Anerkennung erfahren und einen Platz in der Gemeinschaft finden. Ein Leben, in dem alle Bedürfnisse erfüllt werden, aber nichts mehr selbst getan, entschieden oder verantwortet werden muss, kann bequem sein. Auf Dauer wird es häufig leer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch braucht daher beides: Entlastung und Anstrengung, Sicherheit und Herausforderung, Unterstützung und eigenes Tun. Entscheidend ist das richtige Maß.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist ein tätiges Wesen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen erschließen sich die Welt, indem sie etwas tun. Ein Kind lernt laufen, weil es immer wieder aufsteht. Es versteht seine Umgebung, indem es sie berührt, untersucht und ausprobiert. Auch Erwachsene entwickeln ihre Fähigkeiten nicht allein durch Wissen, sondern durch Erfahrung und eigenes Handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer eine Schwierigkeit bewältigt, erfährt mehr als die Lösung eines einzelnen Problems. Er erlebt: Ich kann etwas verstehen. Ich kann handeln. Ich kann eine Lage verändern. Aus dieser Erfahrung wächst Selbstwirksamkeit – das begründete Vertrauen, durch das eigene Tun etwas bewirken zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Zuspruch allein. Es wächst vor allem aus bewältigten Aufgaben. Ein Mensch muss nicht alles allein schaffen. Aber er braucht einen eigenen Anteil an dem, was gelingt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wird ihm dauerhaft abgenommen, was er selbst erkennen, entscheiden und tun könnte, verliert er Gelegenheiten, seine Fähigkeiten zu erproben. Gut gemeinte Hilfe kann dann unbeabsichtigt schwächen. Sie beseitigt zwar eine augenblickliche Belastung, macht den Menschen aber möglicherweise abhängiger von weiterer Hilfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gute Unterstützung schützt deshalb, wo Schutz erforderlich ist. Zugleich stärkt sie den Menschen darin, möglichst viel selbst wieder tun zu können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch ist frei, aber nicht unabhängig</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Freiheit bedeutet nicht, von anderen Menschen unabhängig zu sein. Niemand erschafft allein die Sprache, in der er denkt, die Regeln, die ihn schützen, oder die Gemeinschaft, in der er lebt. Jeder Mensch ist auf andere angewiesen – als Kind besonders, aber auch als Erwachsener.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der freie Mensch bleibt ein verbundenes Wesen. Er lebt in Familien, Freundschaften, Betrieben, Nachbarschaften und politischen Gemeinschaften. Er empfängt etwas von anderen und trägt seinerseits etwas bei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist aber nicht nur von anderen Menschen abhängig. Sein Leben beruht auf natürlichen Grundlagen, die er nicht selbst erschaffen kann: sauberes Wasser, atembare Luft, fruchtbare Böden, gesunde Nahrung, ein bewohnbares Klima und eine Natur, die sich erneuern kann. Diese Lebensgrundlagen sind kein zusätzliches Umweltthema neben dem Menschen. Sie sind die Voraussetzung seiner Gesundheit, seiner Handlungsfähigkeit und jedes gelingenden Lebens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne sie gibt es auf Dauer weder Selbstwirksamkeit noch Freiheit. Ein Mensch kann sein Leben nicht selbstbestimmt führen, wenn die natürlichen Bedingungen des Lebens zerstört werden. Der Schutz dieser Grundlagen gehört deshalb zum Kern einer Politik vom Menschen her.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus folgt Verantwortung über die Gegenwart hinaus. Die heute lebenden Menschen dürfen ihre Freiheit und ihren Wohlstand nicht so verwirklichen, dass andere Menschen, die Natur oder kommende Generationen die Kosten tragen. Nachhaltigkeit bedeutet im Sinne von ChajmLibertus: Menschen stark zu machen, ohne die Lebensgrundlagen zu schwächen, aus denen ihre Stärke kommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb kann Freiheit nicht bedeuten: Ich tue, was ich will, ohne mich um die Folgen zu kümmern. Die eigene Freiheit findet ihr Maß in der gleichen Freiheit und Würde der anderen – und in der Verantwortung für die natürlichen Voraussetzungen, auf die alles menschliche Leben angewiesen ist. Aus Freiheit erwächst Verantwortung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Verantwortung beginnt dort, wo ein Mensch sich zu seinen Wünschen und Antrieben verhalten kann. Er muss nicht jedem spontanen Impuls folgen. Er kann innehalten, Folgen bedenken, Rücksicht nehmen und sich für eine Aufgabe entscheiden, auch wenn sie anstrengend ist. Er kann für sich selbst einstehen und zugleich Verpflichtungen gegenüber anderen übernehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Fähigkeit macht den Menschen nicht fehlerlos. Sie macht ihn ansprechbar. Man kann ihm etwas erklären, etwas zutrauen und etwas zumuten. Man darf von ihm erwarten, dass er lernt, entscheidet und für die Folgen seines Handelns einsteht – jeweils nach seinen tatsächlichen Möglichkeiten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Freiheit muss mit Leben gefüllt werden</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Moderne hat den Menschen von vielen äußeren Zwängen befreit. Politische Rechte, persönliche Freiheiten und soziale Sicherheit haben Lebensmöglichkeiten eröffnet, die früheren Generationen verschlossen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Befreiung war notwendig. Doch sie beantwortet noch nicht die Frage, was der Mensch mit seiner Freiheit anfängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">ChajmLibertus versteht die Moderne als die Epoche der Freiheit. Innerhalb dieser Epoche stellen sich zwei aufeinander aufbauende Aufgaben. Die erste Moderne befreite den Menschen von unnötiger Herrschaft, Bevormundung und festgelegten Lebenswegen. Diese Freiheit von äußeren Zwängen wird auch negative Freiheit genannt. „Negativ“ bedeutet hier nicht schlecht. Gemeint ist der freie Raum, in dem andere nicht über das eigene Leben bestimmen dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die zweite Aufgabe ist die Freiheit zu einem selbst geführten Leben. Der Mensch muss Möglichkeiten erkennen, sich Ziele setzen, Entscheidungen treffen und tätig werden können. Diese gelebte oder positive Freiheit zeigt sich darin, dass ein Mensch seine Freiheit tatsächlich mit Leben füllt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese zweite Aufgabe ist anstrengender. Äußere Freiheit kann durch Verfassungen, Rechte und staatliche Ordnung geschützt werden. Niemand kann dem Menschen jedoch vollständig abnehmen, seine Freiheit auch zu gebrauchen. Er muss morgens selbst aufstehen. Er muss sich entscheiden, was ihm wichtig ist. Er muss für seine Ziele, Wünsche und Träume tätig werden, Schwierigkeiten aushalten und mit Enttäuschungen umgehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher führten häufig die Umstände. Heute muss der Mensch sich stärker selbst führen. Das ist ein großer Fortschritt – und zugleich die Zumutung der zweiten Moderne.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch kann scheitern und neu beginnen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein wirklichkeitsnahes Menschenbild darf den Menschen weder idealisieren noch kleinmachen. Menschen sind nicht jederzeit vernünftig, mutig und verantwortungsbereit. Sie können bequem, ängstlich, eigennützig oder ungerecht handeln. Sie können sich irren, an Aufgaben scheitern und Verantwortung von sich weisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber der Mensch ist nicht auf seine Schwächen festgelegt. Er kann Fehler erkennen, Erfahrungen auswerten und sein Verhalten verändern. Er kann aus einer gescheiterten Handlung lernen und einen neuen Versuch beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb gehören Fehler und Scheitern zu einem freien Leben. Eine Gesellschaft, die jeden Misserfolg bestrafen oder vollständig verhindern will, nimmt Menschen den Mut zum Handeln. Eine Gesellschaft, die jede Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns aufhebt, verhindert dagegen Lernen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen brauchen einen verlässlichen Rahmen, in dem sie handeln dürfen, ohne dass jeder Fehler ihre Existenz zerstört. Sie brauchen aber auch die Erfahrung, dass Entscheidungen Folgen haben und dass es auf ihr eigenes Handeln ankommt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Menschen sind unterschiedlich – ihre Würde ist gleich</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, ihrer Gesundheit, ihrer Herkunft, ihren Möglichkeiten und ihren Lebenswegen. Nicht jeder kann dasselbe leisten. Nicht jeder kann in jeder Lebenslage gleich viel Verantwortung tragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleiche Würde bedeutet daher nicht, alle Menschen gleich zu behandeln, ohne ihre Lage zu berücksichtigen. Wer durch Krankheit, Behinderung, Armut oder eine persönliche Krise eingeschränkt ist, kann besondere Unterstützung benötigen. Eine menschliche Gesellschaft lässt Menschen in solchen Situationen nicht allein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie darf sie aber auch nicht allein über ihre Hilfsbedürftigkeit bestimmen. Ein Mensch bleibt mehr als seine Schwäche, seine Einschränkung oder seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Er bleibt eine Person mit Fähigkeiten, Wünschen, Verantwortung und einem möglichen eigenen Beitrag zum gemeinsamen Leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hilfe sollte deshalb konkrete Nachteile ausgleichen und Teilhabe ermöglichen. Sie sollte den Menschen nicht dauerhaft zum Schutzobjekt machen. Auch ein verletzlicher Mensch will ernst genommen, gefragt und – im Rahmen seiner Möglichkeiten – gebraucht werden.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Mensch braucht Aufgabe und Gemeinschaft</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ein gelingendes Leben entsteht nicht allein durch persönliche Freiheit und materiellen Wohlstand. Menschen brauchen etwas, worauf sie ihre Kräfte richten können. Eine Aufgabe verbindet Fähigkeit, Anstrengung und Sinn. Sie gibt dem eigenen Tun eine Richtung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine solche Aufgabe muss keine große Lebensmission sein. Sie kann in der Familie, im Beruf, in einem Handwerk, in der Pflege eines Menschen, im Ehrenamt oder in der Gestaltung des eigenen Alltags liegen. Entscheidend ist, dass der Mensch sich nicht nur als Empfänger von Leistungen, sondern als Beteiligter am Leben erfährt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei braucht er andere Menschen. Persönliches Gelingen und gemeinsames Gelingen stehen nicht im Gegensatz. Wer seine Fähigkeiten entwickelt, kann mehr beitragen. Wer in einer tragfähigen Gemeinschaft lebt, findet leichter Schutz, Orientierung und Möglichkeiten zum eigenen Handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine gute Gemeinschaft verlangt deshalb nicht die Unterordnung des Einzelnen. Sie schafft einen verlässlichen Raum, in dem Menschen verschieden sein, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas hervorbringen können.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was daraus für Politik und Gesellschaft folgt</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn der Mensch zugleich verletzlich und handlungsfähig ist, darf Politik ihn weder sich selbst überlassen noch ihm sein Leben abnehmen. Sie muss Menschen schützen, ihnen aber auch etwas zutrauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu diesem Schutz gehören nicht nur Recht, Sicherheit und soziale Unterstützung. Er umfasst ebenso die natürlichen Grundlagen des Lebens. Ein Staat, der Menschen schützen will, muss auch Wasser, Luft, Böden, Nahrung, Klima und die Regenerationsfähigkeit der Natur bewahren. Er schützt damit nichts vom Menschen Getrenntes, sondern die Voraussetzungen menschlichen Lebens und künftiger Freiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Deutschland besteht die Neigung, Belastungen schnell als unzumutbar anzusehen und mit neuen Schutzregeln, besonderen Zuständigkeiten oder staatlicher Absicherung zu beantworten. Vieles davon ist notwendig. Schutz vor Gewalt, Willkür, Ausbeutung und existenzieller Not gehört zu den grundlegenden Aufgaben des Staates. Doch gut gemeinter Schutz kann Menschen auch kleinmachen, wenn er ihnen jede Anstrengung, jedes Risiko und jeden Konflikt abnehmen will.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht jede Belastung ist eine Überforderung. Menschen können Veränderungen bewältigen, Schwierigkeiten aushalten und an Aufgaben wachsen. Dafür müssen Politik und Gesellschaft ihnen Vertrauen entgegenbringen und ihnen vernünftigerweise etwas zumuten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein vom Menschen her gedachter Staat schützt Menschen, deren eigene Kräfte nicht ausreichen. Zugleich vertraut er darauf, dass erwachsene Menschen urteilen, entscheiden und Verantwortung übernehmen können. Seine Hilfe setzt bei konkreter Not oder Benachteiligung an und stärkt – wo immer es möglich ist – das eigene Handeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie können wir Menschen schützen? Ebenso wichtig ist: Was können wir ihnen zutrauen? Eine menschliche Politik darf fordern, ohne Menschen preiszugeben. Sie darf schützen, ohne sie kleinzumachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie muss dafür sorgen, dass heutiges Handeln die Lebensmöglichkeiten von morgen nicht zerstört. Politische Lösungen müssen daher nicht nur unmittelbar wirksam, sondern auch sozial, wirtschaftlich und ökologisch tragfähig sein.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Maßstab: ein gelingendes Leben</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch lebt nicht, um ständig Aufgaben zu erledigen und Verantwortung zu tragen. Er möchte auch lieben und geliebt werden, Freude erleben, genießen, spielen, feiern und zur Ruhe kommen. Er darf glücklich sein, ohne dieses Glück durch Leistung verdienen zu müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein gelingendes Leben braucht deshalb einen menschlichen Wechsel: Anstrengung und Erholung, Verantwortung und Leichtigkeit, Gemeinschaft und Rückzug. Auch das scheinbar Zwecklose gehört dazu – ein Gespräch, Musik, Natur, ein Fest, ein stiller Morgen oder die Nähe eines anderen Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Glück lässt sich weder verordnen noch dauerhaft herstellen. Politik kann es nicht garantieren. Sie kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihr Leben möglichst weit selbst führen, tragfähige Beziehungen eingehen und ihr persönliches Glück suchen dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür braucht der Mensch die Fähigkeit, seine Lage zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und etwas zu bewirken. Diese Handlungsfähigkeit ist jedoch nicht das Ziel, sondern eine Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Der Mensch soll handeln können – aber er lebt nicht, um zu funktionieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der starke Mensch ist deshalb nicht der harte, rastlose oder rücksichtslose Mensch. Stark ist, wer mit Angst, Zweifel, Schwäche und einer widerständigen Wirklichkeit umgehen lernt, ohne die Freude am Leben zu verlieren. Er kann handeln und Verantwortung übernehmen, aber auch Hilfe annehmen, scheitern, lernen und neu beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Befreiung kommt die Befähigung. Doch auch Befähigung ist kein Selbstzweck. Sie soll dem Menschen ermöglichen, seine Freiheit mit Leben zu füllen: durch eigenes Tun und Verantwortung, durch Verbundenheit und gemeinsames Gelingen – und durch das Glück, das entstehen kann, wenn er sein Leben als selbst geführt, lebendig und sinnvoll erfährt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Leben bleibt auf natürliche Grundlagen angewiesen, die kein Mensch allein hervorbringen kann. Sie zu schützen ist deshalb kein äußerer Zusatz zu Freiheit und Verantwortung. Es gehört zu ihrem innersten Sinn: Das Leben soll gelingen können – heute und in Zukunft.</p>
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		<title>Die Flucht aus der wirkungslosen Freiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Henrik]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Aug 2026 11:29:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelle Debatten]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
		<category><![CDATA[Autoritarismus]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Fromm]]></category>
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		<category><![CDATA[Selbstwirksamkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Warum wenden sich in Sachsen-Anhalt so viele Menschen der AfD zu? Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“ hilft zu verstehen, wie wirkungslos erlebte Freiheit, Ohnmacht und verlorene Selbstwirksamkeit autoritäre Angebote attraktiv machen – und welche Aufgabe daraus für die Demokratie entsteht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Was Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“ über den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt verrät – und welchen Auftrag die Demokratie daraus ableiten muss</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zahl ist noch kein Wahlergebnis. Aber sie ist zu groß, um sie als vorübergehenden Protest abzutun. In einer am 30. Juli 2026 veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap erreicht die AfD in Sachsen-Anhalt 41 Prozent. Die CDU kommt auf 24 Prozent, die Linke auf 13, die SPD auf sieben und die Grünen auf fünf Prozent. Die Landtagswahl findet am 6. September 2026 statt. Wahlumfragen sind Momentaufnahmen, keine sicheren Prognosen. Doch wenn mehr als zwei Fünftel der Befragten eine Partei nennen, steht diese nicht mehr am Rand der Gesellschaft. Sie ist zu einer bestimmenden politischen Kraft geworden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie ist das zu erklären? Migration, Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheit, Krieg, das Verhältnis zu Russland und die Unzufriedenheit mit Bundes- und Landespolitik spielen gewiss eine Rolle. Doch die Aufzählung einzelner Streitfragen erklärt noch nicht, weshalb sich so unterschiedliche Enttäuschungen in einer einzigen Partei sammeln. Und sie erklärt nicht, warum gerade eine Partei davon profitiert, deren Landesverband der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Diese behördliche Bewertung ist eine wichtige Tatsachenfeststellung. Eine Erklärung des Wählerverhaltens ist sie noch nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um einer solchen Erklärung näherzukommen, lohnt der Blick in ein Buch, das aus einer anderen Zeit stammt und dennoch beunruhigend gegenwärtig wirkt: Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Buch aus der Erfahrung des Zusammenbruchs</strong><br></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fromm veröffentlichte das Werk 1941 im amerikanischen Exil unter dem Titel „Escape from Freedom“. Das Buch ist damit 85 Jahre alt; seine historischen Erfahrungen reichen ungefähr 90 Jahre zurück – in jene Zeit, in der sich die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland festigte, demokratische und rechtsstaatliche Bindungen zerstört wurden und ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Ordnung nicht nur hinnahm, sondern unterstützte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erich Fromm, 1900 in Frankfurt am Main geboren, war Jude, Psychoanalytiker und Sozialpsychologe. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verließ er Deutschland. Ihn beschäftigte eine Frage, die bis heute nicht erledigt ist: Warum geben Menschen Freiheit auf, obwohl sie so lange um sie gerungen haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Fromm widersprach der bequemen Vorstellung, autoritäre Herrschaft werde einer ansonsten freiheitsliebenden Bevölkerung ausschließlich von oben aufgezwungen. Herrschaft braucht Machtmittel, Propaganda und Gewalt. Besonders stark wird sie aber, wenn sie auf eine psychische Bereitschaft trifft – auf Menschen, denen Freiheit nicht nur als Möglichkeit, sondern auch als Belastung erscheint.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der moderne Mensch, so Fromm, hat sich aus vielen überkommenen Bindungen gelöst. Stand, Herkunft, Religion und Tradition bestimmen sein Leben nicht mehr vollständig. Er gewinnt Freiheit, verliert aber zugleich feste Gewissheiten und selbstverständliche Zugehörigkeiten. Nun muss er selbst urteilen, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Freiheit kann deshalb mit Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht verbunden sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch ist dann frei von alten Bindungen, aber noch nicht frei zu einem selbstbestimmten und wirksamen Leben. In diesem Zwischenraum entsteht die Furcht vor der Freiheit.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Keine Gleichsetzung, aber eine Warnung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist nicht das Deutschland der dreißiger Jahre. Sachsen-Anhalt ist keine nationalsozialistische Diktatur. Eine heutige Wahlentscheidung darf nicht mit der Unterstützung des historischen Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. Wer die Unterschiede zwischen den Epochen verwischt, verfehlt die Geschichte und erschwert die gegenwärtige Analyse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade ohne eine solche Gleichsetzung lässt sich Fromms Grundfrage auf die Gegenwart richten: Unter welchen Bedingungen beginnen Menschen, die Zumutungen der Freiheit gegen die Gewissheiten einer autoritären politischen Erzählung einzutauschen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine mögliche Antwort lautet: wenn sie formal frei sind, ihre Freiheit aber nicht mehr als wirksam erleben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschen können wählen, ihre Meinung äußern, ihren Beruf wechseln, reisen, Eigentum erwerben und sich politisch engagieren. Doch diese Freiheiten verlieren an innerer Bedeutung, wenn sich zugleich der Eindruck festsetzt, auf die wesentlichen Entwicklungen keinen Einfluss mehr zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber der Arzt ist nicht erreichbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber der Bus fährt nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber die Schule funktioniert nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber Anträge, Vorschriften und Zuständigkeiten bilden eine Welt, in der man sich klein und abhängig fühlt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber die eigene Arbeit schafft kaum Sicherheit oder Vermögen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man ist frei – aber politische Entscheidungen scheinen weit entfernt in Berlin, Brüssel, Ministerien und Parteizentralen zu fallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus der Summe solcher Erfahrungen wächst ein gefährlicher Eindruck: Die Freiheit ist vorhanden, aber sie bewirkt nichts.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die besondere ostdeutsche Erfahrung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">In Sachsen-Anhalt kommt eine historische Erfahrung hinzu, die in vielen westdeutschen Deutungen noch immer zu wenig verstanden wird. Die Menschen in Ostdeutschland erlebten 1989 eine wirkliche Befreiung. Sie gewannen politische Rechte, Reisefreiheit und individuelle Möglichkeiten. Zugleich bedeutete die folgende Transformation für viele den Verlust vertrauter Strukturen, beruflicher Biografien, sozialer Stellung und gesellschaftlicher Gewissheiten. Betriebe verschwanden, junge Menschen gingen fort, und wichtige Entscheidungen wurden häufig von Menschen getroffen, die aus dem Westen kamen und die neuen Institutionen beherrschten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daraus folgt keine zwangsläufige Ablehnung der Demokratie. Die friedliche Revolution war selbst eine demokratische Befreiungstat. Aber die Erfahrung konnte widersprüchlich bleiben: Man hatte Freiheit gewonnen und zugleich Einfluss, Anerkennung oder Sicherheit verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mehr als drei Jahrzehnte später sind viele Lebensverhältnisse besser geworden. Städte wurden saniert, Infrastrukturen erneuert, Unternehmen gegründet und neue Möglichkeiten geschaffen. Trotzdem bestehen Unterschiede bei Vermögen, Unternehmenszentralen, Spitzenpositionen und gesellschaftlicher Repräsentation fort. In ländlichen Räumen kommen Abwanderung, Überalterung und die Ausdünnung öffentlicher Angebote hinzu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer diese Erfahrungen nur als undankbares Klagen abtut, vertieft das Problem. Wer sie zur Entschuldigung jeder politischen Entscheidung erklärt, macht es sich ebenso leicht. Verletzung erklärt Verantwortung nicht weg. Fromm würde vermutlich weder verachten noch romantisieren. Er würde fragen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Enttäuschung in die Bereitschaft zur autoritären Bindung umschlägt.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Geliehene Stärke</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier liegt ein Teil der Anziehungskraft der AfD. Sie bietet Menschen, die sich machtlos, zurückgesetzt oder übersehen fühlen, ein starkes politisches Kollektiv an. Aus dem einzelnen Bürger wird ein Teil des „wahren Volkes“. Die Stärke der Bewegung kann dabei wie eigene Stärke empfunden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch diese Stärke ist geliehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie entsteht nicht daraus, dass der Einzelne seine Lage besser versteht, eigene Aufgaben erkennt und seine Wirklichkeit wirksam verändert. Sie entsteht aus der Identifikation mit einer Macht, die verspricht, für ihn aufzuräumen. Damit wird auch die Welt übersichtlicher: Das Volk ist vernünftig, aber von den Eliten verraten worden. Das Land ist leistungsfähig, aber durch Fremde und Ideologen geschwächt worden. Die eigenen Schwierigkeiten haben benennbare Verursacher. Die etablierten Medien verschweigen die Wahrheit. Die übrigen Parteien gehören zu einem gemeinsamen System. Nur die eigene Bewegung spricht noch für die wirklichen Menschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine solche Erzählung muss die komplizierte Wirklichkeit nicht vollständig erklären. Ihre Anziehungskraft liegt gerade darin, Zweifel zu beseitigen. Sie gibt Zugehörigkeit, Richtung und Schuldige. Aus persönlicher Ohnmacht wird politische Wut, aus erfahrener Schwäche Härte gegenüber anderen, aus Unsicherheit demonstrative Gewissheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die extreme Rechte ist deshalb nicht einfach die politische Vertretung der Starken. Sie lebt wesentlich von Menschen, die sich als Opfer empfinden. Sie pflegt dieses Opfergefühl, weil sie es braucht. Ihre politische Medizin führt den Einzelnen nicht aus der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit. Sie bietet ihm Abgrenzung, Feindbilder und die Macht des Kollektivs – eine geliehene Macht, die sich gegen andere richtet, ohne eigene Selbstwirksamkeit zu erzeugen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Erklären heißt nicht entschuldigen</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Deutung ist keine pauschale Diagnose jedes AfD-Wählers. Menschen wählen Parteien aus unterschiedlichen Gründen: aus Protest oder Überzeugung, wegen einzelner Themen, regionaler Kandidaten, taktischer Erwägungen oder aus Enttäuschung über die Konkurrenz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso wenig entlastet eine gesellschaftliche Erklärung den Einzelnen von seiner Verantwortung. Wer eine Partei wählt, muss sich mit ihren Personen, Programmen und möglichen Folgen auseinandersetzen. Das gilt besonders, wenn Grundrechte, die Gleichheit der Menschen oder die freiheitliche Verfassungsordnung infrage gestellt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch die entgegengesetzte Verkürzung führt nicht weiter. Mehr als 40 Prozent potenzieller Wähler lassen sich nicht verstehen, indem man sie kollektiv für dumm, moralisch minderwertig oder unbelehrbar erklärt. Ein Etikett kann notwendige politische Abgrenzung markieren. Es erklärt nicht, weshalb die abgegrenzte Partei immer stärker wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer verstehen will, muss zwei Gedanken gleichzeitig aushalten: Die Wahl eines autoritären Angebots bleibt eine verantwortliche Entscheidung. Und eine Demokratie muss sich fragen, warum dieses Angebot für so viele Menschen attraktiv geworden ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Versäumnis der demokratischen Politik</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die demokratischen Parteien reagieren auf den Aufstieg der AfD vor allem mit Warnung und Abgrenzung. Beides ist erforderlich. Wo Menschenwürde, Rechtsstaat oder Minderheitenrechte angegriffen werden, darf Demokratie nicht gleichgültig bleiben. Doch Warnungen allein tragen nicht mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn demokratische Parteien im Alltag als schwerfällig, fern und wirkungslos erlebt werden, während sie sich selbst vor allem als moralische Schutzmacht der Demokratie präsentieren, entsteht ein Widerspruch. Eine Ordnung kann ihre Überlegenheit nicht dauerhaft nur aus ihren Werten ableiten. Sie muss auch zeigen, dass sie Probleme erkennt, Entscheidungen trifft und das Leben der Menschen verbessert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gute Demokratie muss gute Ergebnisse hervorbringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bedeutet nicht, jedem Wunsch nachzugeben oder komplizierte Probleme mit einfachen Antworten zu bedienen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Prioritäten zu setzen und staatliches Handeln wieder verständlich und wirksam zu machen. Menschen müssen erleben können, dass ihre Mitwirkung einen Unterschied macht und Politik mehr ist als die Verwaltung von Verfahren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht liegt das tiefste Versäumnis der vergangenen Jahre deshalb nicht darin, dass die demokratischen Parteien die AfD rhetorisch nicht überzeugend genug bekämpft haben. Es liegt darin, dass sie zu wenig Selbstwirksamkeit ermöglicht haben.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Nach der Befreiung kommt die Befähigung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">An diesem Punkt führt Fromms Analyse zu ChajmLibertus und zur Aufgabe der zweiten Moderne. Die erste Moderne hat den Menschen von vielen äußeren Zwängen befreit. Sie hat ihm Rechte, Wahlmöglichkeiten und individuelle Bewegungsräume eröffnet. Aber Freiheit füllt kein Leben. Sie ersetzt weder Orientierung noch Können, weder Zugehörigkeit noch die Erfahrung, etwas bewirken zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Befreiung muss deshalb die Befähigung kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein freier Mensch braucht nicht nur Schutz vor Herrschaft. Er braucht die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Angst, Widerspruch und Verantwortung umzugehen. Er muss Probleme analysieren, Aufgaben bestimmen, Lösungen entwickeln und aus seinem Handeln lernen können. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für Gemeinden, Verwaltungen, Unternehmen und politische Institutionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gegenentwurf zur autoritären Bewegung ist deshalb nicht der betreute Mensch, dem eine wohlmeinende Politik jede Entscheidung abnimmt. Es ist auch nicht der vereinzelte Mensch, der mit allen Risiken allein gelassen wird. Der Gegenentwurf ist der starke, selbstwirksame Mensch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stärke bedeutet dabei weder Härte noch Rücksichtslosigkeit. Stark ist, wer mit Angst, Zweifel und Schwäche umgehen kann, ohne sich ihnen zu unterwerfen und ohne andere dafür verantwortlich machen zu müssen. Stark ist, wer Wirklichkeit aushält, Aufgaben erkennt und gemeinsam mit anderen an Lösungen arbeitet. Eine Demokratie, die solche Menschen befähigt, muss autoritäre Angebote nicht durch eigene Autorität überbieten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die eigentliche Wahrnehmung</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Fromms Buch erinnert daran, dass Freiheit nicht allein durch offene Gewalt verloren geht. Sie kann auch von Menschen zurückgegeben werden, die sich von ihr verlassen fühlen. Darin liegt die eigentliche Warnung der 41 Prozent in Sachsen-Anhalt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die falsche Reaktion wäre, die Wähler zu verachten. Ebenso falsch wäre es, den freiheitsgefährdenden Gehalt autoritärer Politik aus Rücksicht auf ihre Anhänger zu verharmlosen. Beides verweigert die notwendige Auseinandersetzung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die angemessene Antwort beginnt mit einer unbequemen Einsicht: Viele Menschen folgen der AfD möglicherweise nicht, weil sie zu viel Freiheit besitzen, sondern weil sie ihre Freiheit als wirkungslos erleben. Die Partei bietet ihnen einen Ausweg aus dieser Ohnmacht an – aber keinen Weg in die eigene Stärke. Sie verwandelt Unsicherheit in Opfergefühl, Opfergefühl in Abgrenzung und Abgrenzung in geliehene Macht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Demokratie muss mehr anbieten. Sie muss nicht nur sagen, wovor sie schützt, sondern zeigen, wozu Freiheit fähig ist. Sie muss Menschen ernst nehmen, ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Sie muss Probleme lösen, ohne Feindbilder zu schaffen. Und sie muss den Einzelnen nicht nur als Wähler, Leistungsempfänger oder zu betreuendes Risiko behandeln, sondern als Menschen, der seine Wirklichkeit verstehen und mitgestalten kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor rund 90 Jahren zerbrach eine deutsche Demokratie auch daran, dass sie für zu viele Menschen ihre Bindungs- und Gestaltungskraft verlor. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie stellt Fragen, die unbeantwortet zurückkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet deshalb nicht nur, wie die AfD begrenzt werden kann. Sie lautet: Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um in einer freien Gesellschaft selbstbestimmt, verantwortlich und wirksam leben zu können – und wie ermöglichen wir der breiten Mehrheit, diese Fähigkeiten zu erwerben?</p>



<h2 class="wp-block-heading">Quellenhinweise</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Erich Fromm: <em>Die Furcht vor der Freiheit</em>. Originalausgabe: <em>Escape from Freedom</em>, 1941.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landtagswahl/news-ergebnisse-landtagswahl-afd-cdu-wahlumfrage-schulze-siegmund-%2Cwahl-umfrage-100.html">MDR Sachsen-Anhalt: <em>Umfrage vor der Landtagswahl: CDU fällt weiter zurück, AfD stabil</em>, erstmals veröffentlicht am 30. Juli 2026.</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://wahlen.sachsen-anhalt.de/zu-den-wahlen/landtagswahl">Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt: <em>Landtagswahl am 6. September 2026</em>.</a></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://mi.sachsen-anhalt.de/verfassungsschutz/themenfelder/rechtsextremismus/rechtsextremistische-parteien">Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt, Verfassungsschutz: <em>Rechtsextremistische Parteien – AfD Sachsen-Anhalt</em>.</a></p>



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