Warum Deutschland so unzufrieden ist – und warum Politik wieder beim Menschen beginnen muss
Wer heute sagt, Deutschland sei ein goldener Käfig, muss mit Widerspruch rechnen.
Gold? Wirklich?
Viele Menschen erleben ihren Alltag anders. Sie sehen hohe Preise, steigende Mieten, volle Arztpraxen, überforderte Schulen, langsame Behörden, marode Brücken, verspätete Züge und eine Politik, die viel verspricht, aber wenig löst. Wer so lebt, will sich nicht anhören, dass er in einem goldenen Land sitzt.
Dieser Einwand ist berechtigt. Er führt nicht vom Thema weg. Er führt genau hinein.
Es ist doch vieles Gold, auch wenn es nicht glänzt
Deutschland ist im Weltvergleich weiterhin eines der am besten gestellten Länder der Erde. Im Human Development Index der Vereinten Nationen steht Deutschland im Bericht 2025 auf Rang 5 weltweit. Vor Deutschland liegen nur Island, Norwegen, die Schweiz und Dänemark. Der Index misst nicht nur Einkommen. Er berücksichtigt auch Bildung und Lebenserwartung. [1]
Auch beim kaufkraftbereinigten Wohlstand liegt Deutschland weit über dem Weltdurchschnitt. Nach Weltbank-Daten kommt Deutschland 2024 auf rund 72.300 internationale Dollar pro Kopf. Der Weltwert liegt bei rund 24.526. Das ist fast das Dreifache. [2]
Das ist das Gold. Nicht, weil alles funktioniert. Nicht, weil jede Schule gut ist, jeder Zug pünktlich fährt und jede Behörde schnell arbeitet. Sondern weil Deutschland im weltweiten Vergleich noch immer über hohen Wohlstand, starke Rechte, dichte Absicherung, gute Lebenschancen und viele Schutzversprechen verfügt.
Auch wenn vieles viel besser werden muss, darf man dieses Gold nicht leugnen. Aber man darf es auch nicht verklären. Denn gerade ein reiches und abgesichertes Land kann eine besondere Form der Unzufriedenheit hervorbringen.
Die nächste Frage lautet daher: Warum fühlt sich so viel Schutz für viele Menschen nicht wie Freiheit an?
Erdrückende Fürsorge
Die andere Wahrheit lautet: Viele Menschen spüren den hohen Lebensstandard in ihrem Alltag immer weniger. Sie leben in einem reichen Land, aber fühlen sich nicht reich. Sie leben in einem stark abgesicherten Land, aber fühlen sich nicht sicher. Sie leben in einer Demokratie, aber haben immer seltener das Gefühl, etwas bewirken zu können.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage. Wie kann ein Land objektiv so weit oben stehen und sich subjektiv so festgefahren anfühlen? Wie kann eine Gesellschaft so viel Schutz, Wohlstand und Ordnung aufgebaut haben und trotzdem so viele Menschen hervorbringen, die müde, wütend oder ohnmächtig sind?
Die Schriftstellerin Juli Zeh hat diese Stimmung in einer ZDF-Sendung mit zwei Worten zusammengefasst: „Alles scheiße.“ Der Satz ist grob. Aber er trifft ein verbreitetes Gefühl. [4]
Das ist mehr als eine feuilletonistische Stimmung. Im April 2026 sagten 82 Prozent der von Ipsos Befragten, Deutschland bewege sich in die falsche Richtung. Besonders häufig nannten sie Armut und soziale Ungleichheit, Inflation und militärische Konflikte als Sorgen. [3]
Die Antwort liegt im Bild des goldenen Käfigs. Der Käfig ist nicht golden, weil in Deutschland alles glänzt. Das tut es nicht. Er ist golden, weil Wohlstand und Absicherung real sind. Zum Käfig wird er dort, wo Schutz in Bevormundung umschlägt, wo Verfahren wichtiger werden als Ergebnisse und wo Menschen sich nicht mehr als Handelnde erleben.
Ein System kann Menschen schützen und sie zugleich klein machen. Es kann Sicherheit geben und Verantwortung schwächen. Es kann vieles regeln und damit das Gefühl erzeugen, dass das eigene Handeln kaum noch zählt.
Das Gold ist Wohlstand und Absicherung. Der Käfig ist der Verlust an Selbstwirksamkeit.
Wer das versteht, sieht auch klarer, warum die übliche Politik so oft ins Leere läuft. Sie behandelt Probleme meist als Verwaltungsfragen. Für Menschen werden sie dadurch aber nicht lösbarer.
Wenn Probleme nicht mehr zu Aufgaben werden
Deutschland hat viele echte Probleme. Das Land muss Infrastruktur erneuern, Schulen verbessern, Wohnungen bauen, das Gesundheitswesen stabilisieren, Migration ordnen, Energie bezahlbar halten, die Verwaltung modernisieren und die Wirtschaft wieder stärker machen.
Aber viele Bürger erleben diese Aufgaben nicht als etwas, woran sie selbst mitwirken können. Sie erleben sie als große, ferne Vorgänge. Irgendwo soll eine Behörde zuständig sein. Irgendwo soll ein Ministerium ein Programm auflegen. Irgendwo soll eine Kommission prüfen. Irgendwo soll ein Gesetz geändert werden. Der einzelne Mensch kommt darin vor allem als Betroffener vor.
So verändert sich der Charakter von Problemen. Ein Problem, das Menschen gemeinsam lösen können, gibt Kraft. Es fordert heraus. Es verbindet. Es macht stolz, wenn es bewältigt ist.
Ein Problem, das nur noch verwaltet wird, erzeugt etwas anderes: Warten, Ärger und Ohnmacht.
Genau das geschieht zu oft. Wenn etwas nicht funktioniert, wird zuerst nach Zuständigkeiten gesucht, dann nach Verfahren, dann nach Geld und schließlich nach neuen Regeln. Der Bürger wird informiert, beteiligt, belastet oder beruhigt. Aber er erlebt zu selten, dass er selbst einen konkreten Beitrag leisten kann und dass dieser Beitrag sichtbar wirkt.
Aus einem handelnden Bürger wird so ein Adressat von Politik. Er erhält Bescheide, Hinweise, Förderbedingungen, Verbote, Ansprüche und Belehrungen. Er darf reagieren. Er darf zahlen. Er darf wählen. Er darf sich beschweren. Aber er wird zu selten als jemand angesprochen, der Verantwortung übernehmen und vor Ort etwas lösen kann.
Hier liegt der Kern des Käfigs. Er besteht nicht aus offener Unterdrückung. Er besteht aus Regelung, Betreuung, Absicherung und Dauerverwaltung. Vieles davon ist notwendig. In der Summe kann daraus aber ein System entstehen, das Menschen kleiner macht, als sie sein müssten.
Deshalb muss der Blick auf den Menschen selbst zurückgehen.
Der Mensch ist mehr als ein Versorgungsempfänger
Politik beginnt häufig beim System. Sie fragt nach Programmen, Etats, Zuständigkeiten, Zielgruppen und Kennzahlen. Das ist verständlich. Staaten müssen verwalten. Haushalte müssen geplant werden. Gesetze müssen gelten. Aber wenn Politik nur so denkt, verliert sie den Menschen aus dem Blick.
Die entscheidende Frage lautet nicht zuerst: Was kann der Staat noch regeln?
Sie lautet: Was braucht der Mensch, um aufrecht zu leben? Wann wird er mutig? Wann übernimmt er Verantwortung? Wann lernt er? Wann wächst er? Wann fühlt er sich gebraucht? Wann wird er passiv?
Der Mensch ist kein bloßer Versorgungsempfänger. Er ist auch kein isolierter Nutzenmaximierer. Er ist ein handelndes, lernendes, körperliches und soziales Wesen. Er braucht Schutz. Aber er braucht auch Anforderungen. Er braucht Rechte. Aber er braucht auch Pflichten. Er braucht Hilfe. Aber er braucht ebenso Aufgaben, an denen er merkt, dass er etwas kann.
Die Psychologie beschreibt diesen Zusammenhang seit Langem. Die Selbstbestimmungstheorie nennt Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als zentrale Bedürfnisse. Menschen wollen ihr Leben als eigenes Leben erfahren. Sie wollen nicht nur versorgt werden. Sie wollen handeln. Sie wollen dazugehören. Sie wollen spüren, dass ihr Tun Bedeutung hat. [5]
Auch die Erfahrung des sogenannten Flow zeigt etwas Einfaches: Menschen sind besonders zufrieden, wenn Herausforderung und Fähigkeit zusammenpassen. Eine Aufgabe darf nicht völlig überfordern. Dann entsteht Angst. Sie darf aber auch nicht belanglos sein. Dann entsteht Langeweile. Zufriedenheit entsteht dort, wo Menschen gefordert sind und zugleich erleben: Ich kann das schaffen. [6]
Deutschland verfehlt diese Zone immer öfter. Der Staat nimmt Menschen vieles ab. Gleichzeitig fordert er sie ständig abstrakt: durch Abgaben, Pflichten, Nachweise, Regeln und moralische Appelle.
Das ist keine gute Zumutung. Eine gute Zumutung gibt Menschen eine Aufgabe, einen Spielraum und die Chance, Erfolg zu erleben. Genau daran muss sich auch der Sozialstaat messen lassen.
Der Sozialstaat muss befähigen, nicht ersetzen
Der Sozialstaat ist nicht der Feind der Freiheit. Das wäre eine falsche Verkürzung. Ein guter Sozialstaat verhindert Absturz. Er sichert Krankheit, Alter, Behinderung, Arbeitslosigkeit und andere Lebensrisiken ab. Für viele Menschen wird Freiheit erst dadurch praktisch möglich.
Aber auch ein guter Gedanke kann falsch organisiert werden.
Ein Sozialstaat kann befähigen. Er kann Menschen stützen, damit sie wieder stehen. Er kann Sicherheit geben, damit sie Risiken eingehen. Er kann Übergänge sichern, damit Menschen arbeiten, lernen und neu anfangen können.
Ein Sozialstaat kann aber auch Verantwortung ersetzen. Dann hält er Menschen in Verfahren. Er macht aus Lebenslagen Aktenlagen. Er hilft nicht zurück ins Handeln, sondern organisiert dauerhafte Betreuung. Er misst Fürsorge daran, wie viel verteilt wird, nicht daran, wie viele Menschen wieder selbst tragen können.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Sozialstaat ja oder nein.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von Sozialstaat entspricht dem Menschen?
Ein menschenrichtiger Sozialstaat sichert den Boden. Aber er ersetzt nicht das Gehen. Er hilft. Aber er entmündigt nicht. Er schützt vor Absturz. Aber er schützt nicht vor jeder Anstrengung.
Diese Frage ist nicht nur sozialpolitisch. Sie ist auch historisch. Deutschland hat bereits erlebt, was geschieht, wenn Freiheit als System vorhanden ist, aber viele Menschen sie nicht als eigene Gestaltungskraft erfahren.
Eine ostdeutsche Erfahrung wird gesamtdeutsch
Ostdeutschland hat diese Erfahrung früher und härter gemacht. Nach der Wende kam die Freiheit als großes Versprechen. Sie brachte Demokratie, Rechtsstaat, Reisefreiheit, Marktwirtschaft und offene Gesellschaft. Für viele Menschen kam sie aber zugleich als Bruch. Betriebe verschwanden. Berufe verloren ihren Wert. Lebensleistungen wurden neu bewertet. Gewohnte Sicherheiten brachen weg.
Formal war die Freiheit da. Praktisch fehlte vielen die Erfahrung, diese Freiheit auch gestalten zu können.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine politische und historische Beobachtung. Freiheit ist nicht nur ein System. Freiheit ist auch eine Fähigkeit. Sie braucht Übung, Vertrauen, Eigentumserfahrung, Verantwortungsräume und die Erfahrung, dass der eigene Einsatz zählt.
Lange wirkte diese Erfahrung vor allem ostdeutsch. Heute wird sie gesamtdeutsch. Auch im Westen erleben viele Menschen, dass sie formal frei sind, praktisch aber wenig bewegen können. Sie dürfen wählen, arbeiten, konsumieren und ihre Meinung sagen. Gleichzeitig erleben sie steigende Belastungen, komplizierte Verfahren, Dauerkrisen und Institutionen, denen sie immer weniger Lösungskraft zutrauen.
Sie fühlen sich nicht unterdrückt. Sie fühlen sich übergangen.
Darin liegt die Verbindung zwischen der Nachwendegeschichte und der Gegenwart. Ostdeutschland zeigte früh, was geschieht, wenn ein freiheitliches System nicht als Selbstwirksamkeit erlebt wird. Der Westen erlebt nun eine mildere, aber breitere Variante dieser Entwicklung.
Der goldene Käfig ist damit gesamtdeutsch geworden.
Die Flucht vor der Freiheit
Auch der Aufstieg der AfD lässt sich teilweise vor diesem Hintergrund deuten. Er erklärt sich nicht allein aus einzelnen Themen wie Migration, Energie, Inflation oder Sicherheit. Diese Themen sind wichtig. Aber darunter liegt eine tiefere Bewegung. Viele Menschen fühlen sich von der Komplexität der Gegenwart überfordert. Sie erleben zu viele Probleme, zu viele Regeln, zu viele Krisen und zu wenig eigene Wirkung.
Die AfD erreichte bei der Bundestagswahl 2025 bundesweit 20,8 Prozent der Zweitstimmen. Nach einer Wahlanalyse der Konrad-Adenauer-Stiftung lag sie in Ostdeutschland bei 32,0 Prozent und in Westdeutschland bei 18,0 Prozent. [7] [8]
Das zeigt: Die politische Fluchtbewegung ist nicht mehr nur ostdeutsch. Sie ist gesamtdeutsch sichtbar geworden.
Diese Flucht beginnt nicht mit Hass. Sie beginnt oft mit Angst. Die moderne Welt bietet unendlich viele Möglichkeiten. Zugleich stellt sie Menschen vor Probleme, die kaum noch überschaubar sind: Krieg, Migration, Klima, Wirtschaft, Rente, Gesundheit, Bildung, Digitalisierung und Sicherheit.
Wer sich in dieser Welt nicht wirksam fühlt, erlebt Freiheit nicht als Einladung. Er erlebt sie als Last.
Erich Fromm hat diese Bewegung als Flucht vor der Freiheit beschrieben. Der Mensch will frei sein. Aber Freiheit bedeutet auch Entscheidung, Verantwortung und die Möglichkeit des Scheiterns. Wenn diese Last zu groß wird, sucht der Mensch Schutz in Autorität, Konformität oder radikaler Vereinfachung. [9]
Genau das ist politisch gefährlich. Aus einer unübersichtlichen Welt wird dann ein einfaches Bild. Aus komplexen Problemen werden eindeutige Schuldige. Aus notwendigen Abwägungen werden scheinbar klare Befehle.
Die Vereinfachung beruhigt, weil sie Ordnung verspricht. Aber sie spiegelt die Wahrheit nicht. Sie ersetzt Denken durch Richtung.
Der Ruf nach Durchgreifen entsteht aus dieser Lage. Er ist nicht einfach der Wunsch nach Stärke. Er ist oft die Bitte eines verunsicherten Menschen, jemand anderes möge die Last der Freiheit übernehmen. Eine starke Kraft soll ordnen, entscheiden und schützen. Sie soll die Welt wieder klein genug machen, damit man sie aushält.
Damit wird auch klarer, was es bedeutet, die Tür des Käfigs zu öffnen. Es reicht nicht, die Tür aufzuschließen. Manche bleiben sitzen, weil draußen Verantwortung wartet. Andere treten hinaus, suchen aber nicht die offene Freiheit, sondern die schnelle Vereinfachung. Sie folgen denen, die versprechen, die Welt wieder klein und eindeutig zu machen.
Freiheitliche Politik muss deshalb mehr leisten als Entlastung. Sie muss Menschen wieder befähigen, Freiheit auszuhalten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu tragen.
Was politisch daraus folgt
Aus dieser Diagnose folgt kein Ruf nach Kälte. Es folgt auch kein Ruf nach bloßer Härte. Wenn Angst, Überforderung und verlorene Selbstwirksamkeit das Problem sind, dann reicht politische Strenge nicht aus. Menschen müssen nicht nur gefordert werden. Sie müssen wieder in die Lage kommen, Anforderungen zu bestehen.
Erwachsene Politik nimmt Menschen ernst. Sie traut ihnen etwas zu. Sie schützt sie vor existenzieller Not, aber nicht vor jeder Anstrengung. Sie ordnet nicht jede Schwierigkeit weg. Sie macht aus Schwierigkeiten wieder Aufgaben, an denen Menschen wachsen können.
Das beginnt bei der Arbeit. Arbeit ist nicht nur Einkommen. Sie ist Würde, Beitrag, Tagesstruktur und Erfahrung von Können. Wer arbeiten kann, sollte Arbeit nicht als Strafe erleben und Nichtarbeit nicht als bequeme Dauerlösung. Der Staat muss helfen, Hindernisse zu beseitigen. Aber er muss auch klar sagen: Wer beitragen kann, muss beitragen.
Es betrifft die Bildung. Schule darf Kinder nicht nur betreuen. Sie muss Können erzeugen. Sie muss Sprache, Rechnen, Konzentration, Disziplin, Urteilskraft und Verantwortung lehren. Sie darf Schwache nicht verlieren. Aber sie darf sich auch nicht am kleinsten gemeinsamen Nenner ausrichten. Menschen wachsen nicht daran, dass man jede Anforderung senkt.
Es betrifft Unternehmer und Selbstständige. Wer gründet, übernimmt Verantwortung. Er riskiert Geld, Zeit, Kraft und Ruf. Eine Gesellschaft, die Selbstwirksamkeit stärken will, darf Gründer nicht zuerst als Risiko für die Verwaltung behandeln. Sie muss Gründung einfacher machen. Sie muss Erfolg anerkennen. Sie muss Eigentum als Verantwortungsform verstehen.
Es betrifft die Kommunen. Menschen erleben politische Wirksamkeit zuerst vor Ort: in der Straße, im Dorf, in der Schule, im Verein, bei der Feuerwehr, im Betrieb und im Stadtteil. Dort sehen sie, ob ihr Handeln etwas verändert.
Deshalb brauchen Kommunen echte Spielräume. Und deshalb sind Ehrenamt, Vereine, Freiwillige Feuerwehr, Katastrophenschutz und lokale Projekte keine Randthemen. Sie sind Infrastruktur der Freiheit.
Es betrifft schließlich die Verwaltung selbst. Ein Staat, der Menschen befähigen will, muss verständlicher werden. Er muss schneller werden. Er muss weniger Misstrauen in seine Verfahren einbauen. Er muss nicht jede Lebenslage bis ins Letzte regeln.
Vertrauen ist kein romantischer Begriff. Vertrauen ist eine Produktivkraft.
Der Maßstab guter Politik wäre dann ein anderer. Nicht: Wie viel kann der Staat verteilen? Nicht: Wie viele Programme kann er ankündigen?
Sondern: Wie viele Menschen kommen durch Politik wieder in die Lage, ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Umgebung und ihr Land aktiv mitzugestalten?
An dieser Frage entscheidet sich nicht nur Lebenszufriedenheit. An ihr entscheidet sich auch die Kraft der Demokratie.
Demokratie wächst mit starken Bürgerinnen und Bürgern
Der goldene Käfig ist nicht nur ein seelisches Problem. Er ist ein demokratisches Problem. Eine Gesellschaft, die Menschen dauerhaft schützt, ohne sie handeln zu lassen, schwächt ihre Bürger. Sie gibt ihnen Rechte, aber zu wenig Erfahrung mit Verantwortung.
Demokratie lebt nicht vom betreuten Bürger. Sie lebt vom verantwortlichen Bürger. Sie braucht Menschen, die mitreden, mitarbeiten, widersprechen, gründen, helfen, entscheiden und für Folgen einstehen.
Wer Demokratie erhalten will, darf Bürger deshalb nicht nur beruhigen, betreuen oder moralisch ansprechen. Er muss ihnen konkrete Handlungsräume eröffnen. Demokratie bleibt nur lebendig, wenn Menschen erleben, dass ihr Tun zählt.
Genau hier beginnt die Frage nach der offenen Tür.
Mehr Freiheit wagen
Udo Lindenberg hat einmal gesungen: „Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los.“ Genau darum geht es. Eine freie Gesellschaft darf Menschen nicht nur schützen. Sie muss ihnen auch ermöglichen, ihr Leben zu ergreifen.
Dazu braucht es Politik, die den Menschen mehr zutraut. Es braucht eine Verwaltung, die nicht zuerst misstraut, sondern ermöglicht. Und es braucht Bürgerinnen und Bürger, die Freiheit nicht nur als Anspruch verstehen, sondern als Einladung zur Verantwortung.
Deutschland steht dabei nicht vor dem Untergang. Es steht vor einer historischen Chance. Selten waren die rechtlichen, technischen, wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten größer. Selten gab es so viele gebildete Menschen, so viel Wohlstand, so viele Werkzeuge und so viele offene Wege.
Die Frage ist nicht, ob Deutschland noch kann. Die Frage ist, ob es sich wieder traut.
Dafür muss der goldene Käfig nicht eingerissen werden. Sein Gold ist wertvoll. Rechtsstaat, soziale Sicherheit, Bildung, Wohlstand und demokratische Ordnung sind keine Hindernisse. Sie sind der Boden, auf dem Freiheit wachsen kann.
Aber dieser Boden darf nicht zu einem Netz werden, das Menschen festhält. Er muss tragen, damit Menschen gehen können.
Unser Grundgesetz muss dafür nicht neu erfunden werden. Es enthält bereits den weiten Gedanken einer freien, verantwortlichen und menschenwürdigen Ordnung. Was sich ändern muss, ist die Haltung, mit der wir diese Ordnung auslegen und leben:
Weniger Misstrauen. Mehr Zutrauen. Weniger Verwaltung des Menschen. Mehr Befähigung des Menschen.
Willy Brandt sagte einst, wir sollten mehr Demokratie wagen. Heute müssen wir mehr Freiheit wagen. Nicht als Rückzug des Staates. Nicht als Kälte gegenüber Schwachen. Sondern als gemeinsame Aufgabe: Politik muss Freiheit ermöglichen. Verwaltung muss Freiheit erleichtern. Und wir selbst müssen bereit sein, Freiheit wieder zu nutzen.
Der goldene Käfig öffnet sich nicht durch ein einzelnes Gesetz. Er öffnet sich, wenn ein Land seinen Bürgern wieder sagt: Ihr werdet gebraucht. Ihr könnt etwas. Eure Arbeit zählt. Eure Verantwortung zählt. Euer Mut zählt.
Dann wird aus Unzufriedenheit wieder Kraft. Aus Angst wird Handlung. Aus Betreuung wird Beteiligung. Und aus einem reichen, aber erschöpften Land kann wieder eine freie, selbstbewusste Gesellschaft werden.
Quellen und Arbeitsgrundlagen
[1] UNDP: Human Development Report 2025; Country Insights / Human Development Index. Deutschland Rang 5 im Bericht 2025; vor Deutschland liegen Island, Norwegen, die Schweiz und Dänemark.
https://hdr.undp.org/content/human-development-report-2025
https://hdr.undp.org/data-center/country-insights
[2] World Bank: GDP per capita, PPP (current international $), Indicator NY.GDP.PCAP.PP.CD. Deutschland 2024 rund 72.300 internationale Dollar; Welt 2024 rund 24.526 internationale Dollar.
https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.PP.CD?locations=DE
[3] Ipsos: Sorgenbarometer April 2026, veröffentlicht am 6. Mai 2026. Unter anderem: 82 Prozent der Deutschen sehen das Land auf falschem Kurs; Armut und soziale Ungleichheit 36 Prozent, Inflation 31 Prozent, militärische Konflikte 31 Prozent.
https://www.ipsos.com/de-de/sorgenbarometer-april-2026
[4] ZDFheute: Juli Zeh bei Markus Lanz zur Stimmung im Land, veröffentlicht am 5. Juni 2026.
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-zeh-martenstein-regierungsparteien-stimmung-deutschland-100.html
[5] Ryan, Richard M. / Deci, Edward L.: Self-Determination Theory. Zentrale psychologische Grundbedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.
[6] Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow-Konzept. Zufriedenheit entsteht besonders dort, wo Herausforderung und Fähigkeit in ein produktives Verhältnis treten.
[7] Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis. AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen und zweitstärkste Kraft.
https://bundeswahlleiterin.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2025/29_25_endgueltiges-ergebnis.html
[8] Konrad-Adenauer-Stiftung: Bundestagswahl in Deutschland 2025, Wahlanalyse. AfD in Ostdeutschland 32,0 Prozent, in Westdeutschland 18,0 Prozent.
https://www.kas.de/documents/252038/33607021/Bundestagswahl+in+Deutschland+2025.pdf
[9] Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Analyse der Fluchtbewegungen in Autorität, Konformität und destruktive Vereinfachung; zuerst erschienen 1941 als Escape from Freedom.
[10] Arbeitsgrundlage: ChajmLibertus, Politik vom Menschen her denken, Arbeitsnotiz.

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