Warum äußere Freiheit Menschen überfordern kann – und weshalb eine freie Gesellschaft ihre Bürger zur Freiheit befähigen muss
In Sachsen-Anhalt steht die AfD wenige Wochen vor der Landtagswahl in Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Der Sachsen-Anhalt-Trend von Infratest dimap sah sie Ende Juli 2026 bei 41 Prozent. Die CDU folgte mit 24 Prozent. Eine Umfrage ist noch kein Wahlergebnis. Aber eine politische Stimmung dieser Größenordnung lässt sich nicht mehr als bloßer Protest einer kleinen Minderheit abtun. [1]
Auch bundesweit ist die AfD keine Randerscheinung mehr. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt sie 20,8 Prozent der Zweitstimmen und damit doppelt so viel wie 2021. Sie wurde zweitstärkste Kraft im Deutschen Bundestag. [2]
Wie lässt sich dieser Zulauf erklären?
Migration, wirtschaftliche Unsicherheit, Energiepreise, Krieg, Inflation und der Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen spielen eine wichtige Rolle. Auch konkrete politische Fehler, ungelöste Probleme und die Erfahrung, mit berechtigter Kritik nicht gehört zu werden, gehören zur Erklärung.
Doch darunter liegt eine weiterführende Frage: Warum verwandelt sich Unzufriedenheit bei einem Teil der Menschen nicht in politische Beteiligung, nüchterne Problemlösung oder die Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen? Warum wächst stattdessen die Anziehungskraft einer Partei, die komplizierte Verhältnisse häufig auf Gegner, Verrat und nationale Bedrohung zuspitzt?
Eine mögliche Antwort findet sich in einem Buch, das vor mehr als achtzig Jahren erschien.
Ein Buch aus einer Zeit der Unfreiheit
Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm veröffentlichte 1941 im amerikanischen Exil „Escape from Freedom“. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel „Die Furcht vor der Freiheit“.
Fromm versuchte zu verstehen, weshalb sich Menschen dem Nationalsozialismus unterworfen hatten. Warum gaben sie politische und persönliche Freiheiten preis? Warum folgten sie einer autoritären Bewegung, obwohl Freiheit zuvor mühsam erkämpft worden war?
Seine Antwort war weder eine Entschuldigung noch eine einfache Schuldzuweisung. Fromm untersuchte die seelischen Voraussetzungen autoritärer Herrschaft.
Die Moderne hatte den Menschen aus vielen überlieferten Bindungen gelöst. Herkunft, Religion, Stand, Familie und örtliche Gemeinschaft bestimmten sein Leben nicht mehr in derselben Weise wie zuvor. Diese Befreiung eröffnete große Möglichkeiten. Sie nahm dem Menschen aber auch vorgegebene Gewissheiten.
Der Einzelne gewann Freiheit. Gleichzeitig musste er häufiger selbst entscheiden, wer er sein, woran er glauben und wie er leben wollte. Er wurde unabhängiger – und konnte sich gerade dadurch einsamer, machtloser und orientierungsloser fühlen.
Fromms entscheidender Gedanke lautet: Menschen sehnen sich nach Freiheit und können zugleich vor ihr fliehen.
Freiheit ist nicht nur ein Recht
Wir sprechen über Freiheit meist so, als müsse man sie einem Menschen lediglich gewähren. Der Staat garantiert Rechte, beseitigt Verbote und schützt den Einzelnen vor Willkür. Danach, so die verbreitete Vorstellung, könne der freie Mensch sein Leben selbst gestalten.
Diese äußere Freiheit ist unverzichtbar. Ohne Rechtsstaat, freie Wahlen, Meinungsfreiheit und persönliche Rechte gibt es keine freiheitliche Gesellschaft.
Aber äußere Freiheit beantwortet noch nicht die Frage, ob ein Mensch sie auch leben kann.
Freiheit verlangt Urteilsvermögen. Sie verlangt die Fähigkeit, zwischen Möglichkeiten zu wählen, Unsicherheit auszuhalten und mit den Folgen eigener Entscheidungen umzugehen. Sie verlangt Selbstführung, Verantwortung und den Mut, Fehler zu machen.
Wo frühere Umstände das Leben stärker vorgaben, muss der Mensch heute häufiger sich selbst führen. Das ist ein Fortschritt. Es ist aber auch eine Zumutung.
Wer sich dieser Zumutung nicht gewachsen fühlt, erlebt Freiheit nicht nur als Möglichkeit. Er kann sie als Last empfinden. Dann wächst die Versuchung, die Verantwortung an eine Autorität, eine Gruppe oder eine geschlossene Weltanschauung abzugeben.
Freiheit muss man können.
Die drei Fluchtwege
Fromm beschrieb mehrere Wege, auf denen Menschen der offenen Freiheit ausweichen können.
Der erste ist die Unterwerfung unter Autorität. Der Mensch ordnet sich einer starken Person, einer Organisation oder einer Weltanschauung unter. Dafür erhält er Richtung, Sicherheit und Zugehörigkeit. Er muss die Welt nicht mehr allein beurteilen. Andere erklären ihm, was wahr ist und was zu tun bleibt.
Der zweite Weg ist die Anpassung. Der Mensch übernimmt die Erwartungen seiner Umgebung und wird so, wie man es von ihm verlangt. Er bleibt äußerlich frei, verliert aber allmählich die Fähigkeit, zwischen eigenen Überzeugungen und übernommenen Meinungen zu unterscheiden.
Der dritte Weg ist die Zerstörung. Was Angst macht, widerspricht oder sich nicht beherrschen lässt, soll herabgesetzt, bekämpft oder beseitigt werden. Die eigene Machtlosigkeit wird erträglicher, wenn ein Gegner gefunden wird, gegen den sie sich richten kann.
Diese Mechanismen lassen sich nicht einfach auf die Gegenwart übertragen. Deutschland im Jahr 2026 ist nicht Deutschland am Ende der Weimarer Republik. Die AfD ist nicht allein durch Fromms Theorie erklärt, und nicht jeder ihrer Wähler besitzt einen autoritären Charakter.
Aber Fromms Analyse bietet ein Instrument, mit dem sich ein Teil ihres Zulaufs verstehen lässt.
Aus Angst wird ein Gegner
Viele Menschen erleben die Gegenwart als Folge kaum überschaubarer Krisen. Migration, Klimawandel, Krieg, wirtschaftlicher Umbau, Digitalisierung, demografischer Wandel und die Zukunft der sozialen Sicherung greifen ineinander. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass der Staat viel regelt, aber zentrale Probleme nicht mehr zuverlässig löst.
Aus einer solchen Lage kann diffuse Angst entstehen. Sie hat zunächst keinen eindeutigen Gegenstand. Alles scheint unsicher, zu schnell und kaum beeinflussbar.
Eine verantwortliche Politik müsste dabei helfen, diese Angst zu übersetzen: Wovor fürchten wir uns konkret? Was davon ist tatsächlich eingetreten? Was ist eine Befürchtung? Welches Problem liegt vor? Welche Aufgabe ergibt sich daraus? Wer kann welchen Beitrag zu einer Lösung leisten?
Die autoritäre Versuchung nimmt einen anderen Weg. Sie übersetzt Angst nicht in eine Aufgabe, sondern in einen Gegner.
Dann sind „die Eliten“, „die Altparteien“, „die Fremden“, „die Globalisten“, „die Medien“ oder „die Verräter“ schuld. Unterschiedliche Vorgänge werden zu einer einzigen Bedrohungserzählung verbunden. Die Welt wird verständlicher, weil sie in ein klares Gegenüber zerfällt: hier das eigene Volk, dort seine Gegner.
Diese Vereinfachung entlastet. Sie löst aber das zugrunde liegende Problem nicht.
Der Mechanismus lautet:
Angst → Gegner → Schließung → Lagerbindung → erneuerte Angst
Die Angst hält das Lager zusammen. Der Gegner begründet die Geschlossenheit. Und jede neue Unsicherheit bestätigt die Erzählung, dass nur das eigene Lager noch Schutz bieten könne.
Die Flucht in die Opfererzählung
Eine besonders wirksame Form der Flucht vor der Freiheit ist die Flucht in die Opfererzählung. Sie bietet eine einfache Entlastung: Nicht ich muss meine Lage untersuchen, Möglichkeiten erkennen und Verantwortung übernehmen. Andere haben mir meine Möglichkeiten genommen. Sie sind schuld, und eine politische Kraft muss mich gegen sie verteidigen.
Solche Erzählungen finden sich an unterschiedlichen politischen Rändern. Ihre Inhalte und ihre tatsächlichen Folgen sind nicht gleich. Der zugrunde liegende Mechanismus kann sich dennoch ähneln.
Menschen werden vor allem als Opfer von Eliten, Fremden, Kapital, Patriarchat, Diskriminierung, Globalisierung oder einer angeblich feindlichen Gesellschaft angesprochen. Reale Benachteiligungen und berechtigte Kritik können dabei den Ausgangspunkt bilden. Politisch gefährlich wird es, wenn daraus eine vollständige Identität und eine geschlossene Erklärung der Welt entstehen.
Die Opfererzählung macht den Menschen zunächst unschuldig, dann aber auch klein. Sie erklärt ihn zum Objekt fremder Mächte. Die Partei oder Ideologie steigt gleichzeitig auf: Sie deutet die Welt, benennt den Gegner, verspricht Schutz und verleiht Zugehörigkeit. Je ohnmächtiger der Mensch erscheint, desto notwendiger wird seine politische Beschützerin.
Darin liegt eine eigentümliche Form von Herrschaft. Die Ideologie behauptet, den Menschen zu erhöhen, indem sie sein Leiden anerkennt. Tatsächlich kann sie ihn in seiner Ohnmacht festhalten. Denn ein Mensch, der seine Lage selbst untersucht, Unterschiede erkennt, konkrete Aufgaben gewinnt und wieder handlungsfähig wird, braucht die politische Opfergemeinschaft immer weniger.
Extreme Bewegungen lösen die Angst deshalb häufig nicht auf. Sie bewirtschaften sie. Sie brauchen die fortdauernde Bedrohung, weil aus ihr ihre Bindungsmacht entsteht.
Nicht die Lösung hält das Lager zusammen. Das ungelöste Problem tut es.
Nicht jeder AfD-Wähler flieht vor der Freiheit
Es wäre falsch und überheblich, jeden Wähler der AfD psychologisch zu diagnostizieren. Menschen wählen die Partei aus unterschiedlichen Gründen. Manche wollen gegen die Bundesregierung protestieren. Manche halten ihre Migrationspolitik für richtig. Manche fühlen sich durch andere Parteien nicht mehr vertreten. Manche haben Vertrauen in Institutionen verloren. Manche wählen aus Wut, andere aus Überzeugung.
Darunter befinden sich auch Menschen, die konkrete Fehlentwicklungen benennen, welche andere Parteien zu lange ignoriert, beschönigt oder moralisch abgewehrt haben. Eine Demokratie darf auf solche Kritik nicht mit pauschaler Herabsetzung reagieren.
Wer alle AfD-Wähler für dumm, unmoralisch oder demokratieunfähig erklärt, verstärkt genau jene Lagerbildung, die er zu bekämpfen vorgibt. Er bietet der Partei den Beleg für ihre Erzählung, ihre Anhänger würden von einem überheblichen politischen und medialen Milieu verachtet.
Verstehen bedeutet jedoch nicht verharmlosen.
Die politische Sprache, die Ziele und das Handeln einer Partei müssen daran gemessen werden, ob sie Probleme aufklärt und Lösungen ermöglicht – oder ob sie Angst verstärkt, Gegnerbilder pflegt und Menschen an eine Opfergemeinschaft bindet.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, warum Menschen zur AfD gehen. Ebenso wichtig ist, was die Partei mit ihrer Angst macht.
Macht sie aus Furcht ein untersuchbares Problem und aus dem Problem eine lösbare Aufgabe? Oder macht sie aus Angst einen Gegner und aus dem Gegner eine dauerhafte politische Bindung?
Auch moralische Überlegenheit kann unfrei machen
Die autoritäre Versuchung kommt nicht ausschließlich von rechts. Auch progressive und linke Bewegungen können Menschen in feste Opfer- und Tätergruppen einteilen. Dann werden Personen weniger nach ihrem konkreten Handeln als nach Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, wirtschaftlicher Stellung oder Gruppenzugehörigkeit beurteilt.
Der berechtigte Schutz vor Diskriminierung kann sich dabei in eine moralische Ordnung verwandeln, die Menschen dauerhaft als Opfer oder Schuldige festlegt. Wer als Opfer gilt, erhält besondere moralische Autorität. Wer einer vermeintlich privilegierten Gruppe zugerechnet wird, muss sich rechtfertigen.
Auch dieser Mechanismus kann den einzelnen Menschen verkleinern. Er wird nicht mehr als widersprüchliche, lernfähige und verantwortliche Person betrachtet, sondern als Vertreter einer Gruppe. Die Ideologie übernimmt die Deutung seines Lebens.
Die politischen Extreme sind deshalb nicht in ihren Zielen, Mitteln oder Gefahren pauschal gleichzusetzen. Es wäre unredlich, tatsächliche Unterschiede einzuebnen. Vergleichbar ist allein der Mechanismus, in dem eine geschlossene Weltanschauung den Menschen auf eine Opfer- oder Täterrolle reduziert und sich selbst über ihn erhebt.
Eine Politik vom Menschen her muss reale Benachteiligung ernst nehmen, ohne Menschen auf ihre Benachteiligung festzulegen. Sie muss schützen, ohne aus Schutzbedürftigkeit eine dauerhafte Identität zu machen. Sie muss Verantwortung zumuten, ohne Not und ungleiche Ausgangsbedingungen zu leugnen.
Der Mensch ist größer als die Rolle, die eine Ideologie ihm zuweist.
Die demokratische Antwort reicht bisher nicht aus
Die üblichen Antworten auf den Aufstieg der AfD greifen zu kurz.
Die erste Antwort lautet Abgrenzung. Demokratische Parteien müssen sich von verfassungsfeindlichen Positionen abgrenzen. Aber eine Brandmauer beantwortet noch nicht die Frage, warum so viele Menschen auf der anderen Seite stehen.
Die zweite Antwort lautet Aufklärung. Falsche Behauptungen müssen widerlegt und extremistische Netzwerke offengelegt werden. Aber Informationen allein verändern nicht automatisch das Lebensgefühl eines Menschen, der sich machtlos und übergangen erlebt.
Die dritte Antwort lautet bessere Kommunikation. Politik müsse ihre Entscheidungen nur verständlicher erklären. Doch ein Bürger, der sich nicht als Handelnder erlebt, will nicht lediglich besser über seine eigene Ohnmacht informiert werden.
Die vierte Antwort lautet materielle Entlastung. Sie kann notwendig sein. Aber auch ein versorgter Mensch kann sich bedeutungslos, abhängig und politisch wirkungslos fühlen.
Eine tragfähige demokratische Antwort muss tiefer ansetzen. Sie muss Menschen nicht nur schützen und informieren. Sie muss ihnen die Erfahrung ermöglichen, selbst etwas bewirken zu können.
Von der Angst zur Aufgabe
ChajmLibertus setzt dem autoritären Mechanismus einen anderen Weg entgegen:
Angst → Furcht → Problemerkennung → Aufgabe → Handlung → Lösung → Erfahrung und Stärke
Diffuse Angst soll nicht beschämt oder politisch bewirtschaftet werden. Sie muss zunächst ernst genommen werden. Dann ist zu klären, worauf sie sich richtet. Aus der namenlosen Angst wird eine konkrete Furcht.
Diese Furcht muss geprüft werden. Was ist tatsächlich geschehen? Welche Gefahr besteht? Welche Annahme ist unbelegt? Welches Problem lässt sich benennen?
Aus dem erkannten Problem entsteht eine Aufgabe. Eine Aufgabe ist begrenzt. Sie hat einen Gegenstand, eine Richtung und einen möglichen nächsten Schritt. Der Mensch wird aus dem Zuschauer seiner Angst wieder zum Handelnden.
Nicht jede Aufgabe lässt sich allein bewältigen. Menschen brauchen Gemeinschaft, staatliche Ordnung und manchmal Schutz oder Hilfe. Entscheidend ist, dass sie einen eigenen Anteil am Gelingen behalten.
Wo eine Aufgabe bewältigt wird, entsteht mehr als eine sachliche Lösung. Der Mensch macht eine Erfahrung: Ich kann etwas verstehen. Ich kann handeln. Ich kann gemeinsam mit anderen eine Lage verändern.
Aus dieser Erfahrung wachsen Selbstwirksamkeit, Urteilskraft und neues Zutrauen. Genau diese Fähigkeiten machen Menschen weniger anfällig für politische Kräfte, die sie durch Angst und Ohnmacht an sich binden wollen.
Welche Fähigkeiten braucht der freie Mensch?
Eine freie Gesellschaft benötigt Menschen, die Unsicherheit aushalten können, ohne sofort nach einem Schuldigen zu suchen. Menschen, die widersprüchliche Informationen prüfen, zwischen Tatsachen und Behauptungen unterscheiden und ihre Meinung verändern können.
Sie braucht Menschen, die Konflikte austragen, ohne den Gegner zum Feind zu erklären. Menschen, die eigene Interessen vertreten und zugleich anerkennen, dass andere ebenfalls berechtigte Interessen besitzen.
Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen: für ihre Entscheidungen, ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Umgebung und das gemeinsame politische Leben. Menschen, die Hilfe annehmen können, ohne sich dauerhaft als hilflose Opfer zu verstehen.
Sie braucht schließlich Menschen, die aus einem Problem eine Aufgabe gewinnen und tätig werden können. Nicht weil jeder alles allein lösen müsste, sondern weil Demokratie davon lebt, dass Bürger sich nicht nur als Empfänger, Betroffene oder Zuschauer erleben.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Appelle. Sie wachsen durch Erfahrung und Übung.
Wie eine Gesellschaft zur Freiheit befähigt
Die Familie legt einen ersten Grund. Kinder brauchen Schutz und Verlässlichkeit. Sie brauchen aber auch Aufgaben, Grenzen und die Erfahrung, dass ihnen etwas zugetraut wird.
Schule darf deshalb nicht nur Wissen vermitteln und soziale Nachteile verwalten. Sie muss Urteilsfähigkeit, Konzentration, Konfliktfähigkeit, Disziplin und Verantwortung entwickeln. Kinder müssen erleben, dass Anstrengung zu Können und Können zu Selbstvertrauen führen kann.
Arbeit ist ebenfalls mehr als Einkommen. Sie ermöglicht Beitrag, Zugehörigkeit und die Erfahrung, gebraucht zu werden. Sozialpolitik sollte Menschen daher nicht nur absichern, sondern ihnen helfen, wieder selbst tätig zu werden. Ein guter Sozialstaat sichert den Boden. Er ersetzt nicht das Gehen.
Auch die Demokratie selbst muss erfahrbar werden. Bürger brauchen vor Ort Räume, in denen ihre Mitwirkung sichtbar etwas verändert: in Gemeinden, Vereinen, Schulen, Betrieben, Feuerwehren, Nachbarschaften und lokalen Projekten. Wer erlebt, dass sein Beitrag zählt, braucht weniger das Versprechen einer fernen politischen Rettungsmacht.
Und Politik muss wieder lösungsfähig werden. Sie darf von Menschen Verantwortung verlangen. Sie muss aber auch ihren eigenen Teil erfüllen: Probleme klar benennen, Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und Ergebnisse hervorbringen.
Ein Staat, der ständig Verantwortung einfordert, aber selbst an Verfahren und Zuständigkeiten scheitert, verliert Glaubwürdigkeit.
Freiheit muss man können
Fromms Buch erschien 1941. Es entstand aus der Erfahrung, dass Menschen ihre Freiheit nicht nur verlieren können. Sie können vor ihr davonlaufen.
Diese Einsicht ist heute wieder aktuell. Nicht weil sich Geschichte einfach wiederholt. Sondern weil äußere Freiheit auch in einer modernen Demokratie nicht automatisch zu innerer Selbstständigkeit führt.
Wer Menschen nur als Opfer anspricht, macht sie kleiner, als sie sein müssen. Wer ihre Angst in Feindschaft verwandelt, bindet sie an ein Lager. Wer ihnen eine vollständig erklärte Welt anbietet, nimmt ihnen die Last des eigenen Urteils – und damit einen Teil ihrer Freiheit.
Die demokratische Antwort darf nicht darin bestehen, Menschen zu belehren oder ihre Sorgen herabzusetzen. Sie muss ihnen mehr zutrauen. Sie muss sie schützen, wo Schutz notwendig ist, und zugleich ihre Fähigkeit stärken, selbst zu urteilen, zu handeln und Verantwortung zu tragen.
Nach der Befreiung kommt die Befähigung.
Eine freie Gesellschaft kann nicht allein davon leben, dass sie Freiheit rechtlich garantiert. Sie muss Menschen auch dazu befähigen, Unsicherheit auszuhalten, Probleme zu untersuchen, Entscheidungen zu treffen, Konflikte friedlich auszutragen und aus Angst konkrete Aufgaben zu gewinnen.
Die entscheidende politische Frage lautet deshalb:
Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um in unserer freien Gesellschaft zu bestehen – und wie ermöglichen wir der breiten Mehrheit, diese Fähigkeiten tatsächlich zu erwerben?
Erst wenn wir darauf eine überzeugende Antwort finden, wird Freiheit nicht mehr nur versprochen oder geschützt. Dann wird sie gelebt.
Quellen und Arbeitsgrundlagen
[1] Infratest dimap/MDR: Sachsen-Anhalt-Trend vom Juli 2026. AfD 41 Prozent, CDU 24 Prozent. Wahlumfragen bilden die politische Stimmung zum Erhebungszeitpunkt ab und sind keine Vorhersage des Wahlergebnisses.
Tagesschau: Was die Umfrage über die Politik in Sachsen-Anhalt sagt
[2] Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025, endgültiges Ergebnis. AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen; 2021 waren es 10,4 Prozent.
Bundestagswahl 2025: Endgültiges Ergebnis
[3] Fromm, Erich: Escape from Freedom, New York 1941; deutsch: Die Furcht vor der Freiheit. Analyse der psychischen Fluchtmechanismen in Autorität, Konformität und Destruktivität.
[4] Fromm-Online: Werkverzeichnis und Informationen zum literarischen Nachlass Erich Fromms.
Fromm-Online: Werk
[5] Arbeitsgrundlagen: ChajmLibertus – Menschenbild; ChajmLibertus – Politik vom Menschen her; Gedankenfolge Angst → Furcht → Problemerkennung → Aufgabe → Handlung → Lösung → Erfahrung und Stärke.

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