Was Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“ über den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt verrät – und welchen Auftrag die Demokratie daraus ableiten muss
Die Zahl ist noch kein Wahlergebnis. Aber sie ist zu groß, um sie als vorübergehenden Protest abzutun. In einer am 30. Juli 2026 veröffentlichten Umfrage von Infratest dimap erreicht die AfD in Sachsen-Anhalt 41 Prozent. Die CDU kommt auf 24 Prozent, die Linke auf 13, die SPD auf sieben und die Grünen auf fünf Prozent. Die Landtagswahl findet am 6. September 2026 statt. Wahlumfragen sind Momentaufnahmen, keine sicheren Prognosen. Doch wenn mehr als zwei Fünftel der Befragten eine Partei nennen, steht diese nicht mehr am Rand der Gesellschaft. Sie ist zu einer bestimmenden politischen Kraft geworden.
Wie ist das zu erklären? Migration, Energiepreise, wirtschaftliche Unsicherheit, Krieg, das Verhältnis zu Russland und die Unzufriedenheit mit Bundes- und Landespolitik spielen gewiss eine Rolle. Doch die Aufzählung einzelner Streitfragen erklärt noch nicht, weshalb sich so unterschiedliche Enttäuschungen in einer einzigen Partei sammeln. Und sie erklärt nicht, warum gerade eine Partei davon profitiert, deren Landesverband der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Diese behördliche Bewertung ist eine wichtige Tatsachenfeststellung. Eine Erklärung des Wählerverhaltens ist sie noch nicht.
Um einer solchen Erklärung näherzukommen, lohnt der Blick in ein Buch, das aus einer anderen Zeit stammt und dennoch beunruhigend gegenwärtig wirkt: Erich Fromms „Furcht vor der Freiheit“.
Ein Buch aus der Erfahrung des Zusammenbruchs
Fromm veröffentlichte das Werk 1941 im amerikanischen Exil unter dem Titel „Escape from Freedom“. Das Buch ist damit 85 Jahre alt; seine historischen Erfahrungen reichen ungefähr 90 Jahre zurück – in jene Zeit, in der sich die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland festigte, demokratische und rechtsstaatliche Bindungen zerstört wurden und ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Ordnung nicht nur hinnahm, sondern unterstützte.
Erich Fromm, 1900 in Frankfurt am Main geboren, war Jude, Psychoanalytiker und Sozialpsychologe. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verließ er Deutschland. Ihn beschäftigte eine Frage, die bis heute nicht erledigt ist: Warum geben Menschen Freiheit auf, obwohl sie so lange um sie gerungen haben?
Fromm widersprach der bequemen Vorstellung, autoritäre Herrschaft werde einer ansonsten freiheitsliebenden Bevölkerung ausschließlich von oben aufgezwungen. Herrschaft braucht Machtmittel, Propaganda und Gewalt. Besonders stark wird sie aber, wenn sie auf eine psychische Bereitschaft trifft – auf Menschen, denen Freiheit nicht nur als Möglichkeit, sondern auch als Belastung erscheint.
Der moderne Mensch, so Fromm, hat sich aus vielen überkommenen Bindungen gelöst. Stand, Herkunft, Religion und Tradition bestimmen sein Leben nicht mehr vollständig. Er gewinnt Freiheit, verliert aber zugleich feste Gewissheiten und selbstverständliche Zugehörigkeiten. Nun muss er selbst urteilen, entscheiden und Verantwortung übernehmen. Freiheit kann deshalb mit Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht verbunden sein.
Der Mensch ist dann frei von alten Bindungen, aber noch nicht frei zu einem selbstbestimmten und wirksamen Leben. In diesem Zwischenraum entsteht die Furcht vor der Freiheit.
Keine Gleichsetzung, aber eine Warnung
Die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist nicht das Deutschland der dreißiger Jahre. Sachsen-Anhalt ist keine nationalsozialistische Diktatur. Eine heutige Wahlentscheidung darf nicht mit der Unterstützung des historischen Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. Wer die Unterschiede zwischen den Epochen verwischt, verfehlt die Geschichte und erschwert die gegenwärtige Analyse.
Gerade ohne eine solche Gleichsetzung lässt sich Fromms Grundfrage auf die Gegenwart richten: Unter welchen Bedingungen beginnen Menschen, die Zumutungen der Freiheit gegen die Gewissheiten einer autoritären politischen Erzählung einzutauschen?
Eine mögliche Antwort lautet: wenn sie formal frei sind, ihre Freiheit aber nicht mehr als wirksam erleben.
Die Menschen können wählen, ihre Meinung äußern, ihren Beruf wechseln, reisen, Eigentum erwerben und sich politisch engagieren. Doch diese Freiheiten verlieren an innerer Bedeutung, wenn sich zugleich der Eindruck festsetzt, auf die wesentlichen Entwicklungen keinen Einfluss mehr zu haben.
Man ist frei – aber der Arzt ist nicht erreichbar.
Man ist frei – aber der Bus fährt nicht.
Man ist frei – aber die Schule funktioniert nicht.
Man ist frei – aber Anträge, Vorschriften und Zuständigkeiten bilden eine Welt, in der man sich klein und abhängig fühlt.
Man ist frei – aber die eigene Arbeit schafft kaum Sicherheit oder Vermögen.
Man ist frei – aber politische Entscheidungen scheinen weit entfernt in Berlin, Brüssel, Ministerien und Parteizentralen zu fallen.
Aus der Summe solcher Erfahrungen wächst ein gefährlicher Eindruck: Die Freiheit ist vorhanden, aber sie bewirkt nichts.
Die besondere ostdeutsche Erfahrung
In Sachsen-Anhalt kommt eine historische Erfahrung hinzu, die in vielen westdeutschen Deutungen noch immer zu wenig verstanden wird. Die Menschen in Ostdeutschland erlebten 1989 eine wirkliche Befreiung. Sie gewannen politische Rechte, Reisefreiheit und individuelle Möglichkeiten. Zugleich bedeutete die folgende Transformation für viele den Verlust vertrauter Strukturen, beruflicher Biografien, sozialer Stellung und gesellschaftlicher Gewissheiten. Betriebe verschwanden, junge Menschen gingen fort, und wichtige Entscheidungen wurden häufig von Menschen getroffen, die aus dem Westen kamen und die neuen Institutionen beherrschten.
Daraus folgt keine zwangsläufige Ablehnung der Demokratie. Die friedliche Revolution war selbst eine demokratische Befreiungstat. Aber die Erfahrung konnte widersprüchlich bleiben: Man hatte Freiheit gewonnen und zugleich Einfluss, Anerkennung oder Sicherheit verloren.
Mehr als drei Jahrzehnte später sind viele Lebensverhältnisse besser geworden. Städte wurden saniert, Infrastrukturen erneuert, Unternehmen gegründet und neue Möglichkeiten geschaffen. Trotzdem bestehen Unterschiede bei Vermögen, Unternehmenszentralen, Spitzenpositionen und gesellschaftlicher Repräsentation fort. In ländlichen Räumen kommen Abwanderung, Überalterung und die Ausdünnung öffentlicher Angebote hinzu.
Wer diese Erfahrungen nur als undankbares Klagen abtut, vertieft das Problem. Wer sie zur Entschuldigung jeder politischen Entscheidung erklärt, macht es sich ebenso leicht. Verletzung erklärt Verantwortung nicht weg. Fromm würde vermutlich weder verachten noch romantisieren. Er würde fragen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Enttäuschung in die Bereitschaft zur autoritären Bindung umschlägt.
Geliehene Stärke
Hier liegt ein Teil der Anziehungskraft der AfD. Sie bietet Menschen, die sich machtlos, zurückgesetzt oder übersehen fühlen, ein starkes politisches Kollektiv an. Aus dem einzelnen Bürger wird ein Teil des „wahren Volkes“. Die Stärke der Bewegung kann dabei wie eigene Stärke empfunden werden.
Doch diese Stärke ist geliehen.
Sie entsteht nicht daraus, dass der Einzelne seine Lage besser versteht, eigene Aufgaben erkennt und seine Wirklichkeit wirksam verändert. Sie entsteht aus der Identifikation mit einer Macht, die verspricht, für ihn aufzuräumen. Damit wird auch die Welt übersichtlicher: Das Volk ist vernünftig, aber von den Eliten verraten worden. Das Land ist leistungsfähig, aber durch Fremde und Ideologen geschwächt worden. Die eigenen Schwierigkeiten haben benennbare Verursacher. Die etablierten Medien verschweigen die Wahrheit. Die übrigen Parteien gehören zu einem gemeinsamen System. Nur die eigene Bewegung spricht noch für die wirklichen Menschen.
Eine solche Erzählung muss die komplizierte Wirklichkeit nicht vollständig erklären. Ihre Anziehungskraft liegt gerade darin, Zweifel zu beseitigen. Sie gibt Zugehörigkeit, Richtung und Schuldige. Aus persönlicher Ohnmacht wird politische Wut, aus erfahrener Schwäche Härte gegenüber anderen, aus Unsicherheit demonstrative Gewissheit.
Die extreme Rechte ist deshalb nicht einfach die politische Vertretung der Starken. Sie lebt wesentlich von Menschen, die sich als Opfer empfinden. Sie pflegt dieses Opfergefühl, weil sie es braucht. Ihre politische Medizin führt den Einzelnen nicht aus der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit. Sie bietet ihm Abgrenzung, Feindbilder und die Macht des Kollektivs – eine geliehene Macht, die sich gegen andere richtet, ohne eigene Selbstwirksamkeit zu erzeugen.
Erklären heißt nicht entschuldigen
Diese Deutung ist keine pauschale Diagnose jedes AfD-Wählers. Menschen wählen Parteien aus unterschiedlichen Gründen: aus Protest oder Überzeugung, wegen einzelner Themen, regionaler Kandidaten, taktischer Erwägungen oder aus Enttäuschung über die Konkurrenz.
Ebenso wenig entlastet eine gesellschaftliche Erklärung den Einzelnen von seiner Verantwortung. Wer eine Partei wählt, muss sich mit ihren Personen, Programmen und möglichen Folgen auseinandersetzen. Das gilt besonders, wenn Grundrechte, die Gleichheit der Menschen oder die freiheitliche Verfassungsordnung infrage gestellt werden.
Aber auch die entgegengesetzte Verkürzung führt nicht weiter. Mehr als 40 Prozent potenzieller Wähler lassen sich nicht verstehen, indem man sie kollektiv für dumm, moralisch minderwertig oder unbelehrbar erklärt. Ein Etikett kann notwendige politische Abgrenzung markieren. Es erklärt nicht, weshalb die abgegrenzte Partei immer stärker wird.
Wer verstehen will, muss zwei Gedanken gleichzeitig aushalten: Die Wahl eines autoritären Angebots bleibt eine verantwortliche Entscheidung. Und eine Demokratie muss sich fragen, warum dieses Angebot für so viele Menschen attraktiv geworden ist.
Das Versäumnis der demokratischen Politik
Die demokratischen Parteien reagieren auf den Aufstieg der AfD vor allem mit Warnung und Abgrenzung. Beides ist erforderlich. Wo Menschenwürde, Rechtsstaat oder Minderheitenrechte angegriffen werden, darf Demokratie nicht gleichgültig bleiben. Doch Warnungen allein tragen nicht mehr.
Wenn demokratische Parteien im Alltag als schwerfällig, fern und wirkungslos erlebt werden, während sie sich selbst vor allem als moralische Schutzmacht der Demokratie präsentieren, entsteht ein Widerspruch. Eine Ordnung kann ihre Überlegenheit nicht dauerhaft nur aus ihren Werten ableiten. Sie muss auch zeigen, dass sie Probleme erkennt, Entscheidungen trifft und das Leben der Menschen verbessert.
Gute Demokratie muss gute Ergebnisse hervorbringen.
Das bedeutet nicht, jedem Wunsch nachzugeben oder komplizierte Probleme mit einfachen Antworten zu bedienen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Prioritäten zu setzen und staatliches Handeln wieder verständlich und wirksam zu machen. Menschen müssen erleben können, dass ihre Mitwirkung einen Unterschied macht und Politik mehr ist als die Verwaltung von Verfahren.
Vielleicht liegt das tiefste Versäumnis der vergangenen Jahre deshalb nicht darin, dass die demokratischen Parteien die AfD rhetorisch nicht überzeugend genug bekämpft haben. Es liegt darin, dass sie zu wenig Selbstwirksamkeit ermöglicht haben.
Nach der Befreiung kommt die Befähigung
An diesem Punkt führt Fromms Analyse zu ChajmLibertus und zur Aufgabe der zweiten Moderne. Die erste Moderne hat den Menschen von vielen äußeren Zwängen befreit. Sie hat ihm Rechte, Wahlmöglichkeiten und individuelle Bewegungsräume eröffnet. Aber Freiheit füllt kein Leben. Sie ersetzt weder Orientierung noch Können, weder Zugehörigkeit noch die Erfahrung, etwas bewirken zu können.
Nach der Befreiung muss deshalb die Befähigung kommen.
Ein freier Mensch braucht nicht nur Schutz vor Herrschaft. Er braucht die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Angst, Widerspruch und Verantwortung umzugehen. Er muss Probleme analysieren, Aufgaben bestimmen, Lösungen entwickeln und aus seinem Handeln lernen können. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für Gemeinden, Verwaltungen, Unternehmen und politische Institutionen.
Der Gegenentwurf zur autoritären Bewegung ist deshalb nicht der betreute Mensch, dem eine wohlmeinende Politik jede Entscheidung abnimmt. Es ist auch nicht der vereinzelte Mensch, der mit allen Risiken allein gelassen wird. Der Gegenentwurf ist der starke, selbstwirksame Mensch.
Stärke bedeutet dabei weder Härte noch Rücksichtslosigkeit. Stark ist, wer mit Angst, Zweifel und Schwäche umgehen kann, ohne sich ihnen zu unterwerfen und ohne andere dafür verantwortlich machen zu müssen. Stark ist, wer Wirklichkeit aushält, Aufgaben erkennt und gemeinsam mit anderen an Lösungen arbeitet. Eine Demokratie, die solche Menschen befähigt, muss autoritäre Angebote nicht durch eigene Autorität überbieten.
Die eigentliche Wahrnehmung
Fromms Buch erinnert daran, dass Freiheit nicht allein durch offene Gewalt verloren geht. Sie kann auch von Menschen zurückgegeben werden, die sich von ihr verlassen fühlen. Darin liegt die eigentliche Warnung der 41 Prozent in Sachsen-Anhalt.
Die falsche Reaktion wäre, die Wähler zu verachten. Ebenso falsch wäre es, den freiheitsgefährdenden Gehalt autoritärer Politik aus Rücksicht auf ihre Anhänger zu verharmlosen. Beides verweigert die notwendige Auseinandersetzung.
Die angemessene Antwort beginnt mit einer unbequemen Einsicht: Viele Menschen folgen der AfD möglicherweise nicht, weil sie zu viel Freiheit besitzen, sondern weil sie ihre Freiheit als wirkungslos erleben. Die Partei bietet ihnen einen Ausweg aus dieser Ohnmacht an – aber keinen Weg in die eigene Stärke. Sie verwandelt Unsicherheit in Opfergefühl, Opfergefühl in Abgrenzung und Abgrenzung in geliehene Macht.
Die Demokratie muss mehr anbieten. Sie muss nicht nur sagen, wovor sie schützt, sondern zeigen, wozu Freiheit fähig ist. Sie muss Menschen ernst nehmen, ohne ihnen nach dem Mund zu reden. Sie muss Probleme lösen, ohne Feindbilder zu schaffen. Und sie muss den Einzelnen nicht nur als Wähler, Leistungsempfänger oder zu betreuendes Risiko behandeln, sondern als Menschen, der seine Wirklichkeit verstehen und mitgestalten kann.
Vor rund 90 Jahren zerbrach eine deutsche Demokratie auch daran, dass sie für zu viele Menschen ihre Bindungs- und Gestaltungskraft verlor. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie stellt Fragen, die unbeantwortet zurückkehren.
Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet deshalb nicht nur, wie die AfD begrenzt werden kann. Sie lautet: Welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um in einer freien Gesellschaft selbstbestimmt, verantwortlich und wirksam leben zu können – und wie ermöglichen wir der breiten Mehrheit, diese Fähigkeiten zu erwerben?
Quellenhinweise
Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Originalausgabe: Escape from Freedom, 1941.
Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt: Landtagswahl am 6. September 2026.

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