Politik und Gesellschaft vom Menschen her gedacht

Nach der Befreiung kommt die Befähigung

Die Faust-Erkenntnis der zweiten Moderne

Die Moderne hat vieles zurückgedrängt, was den Menschen über Jahrhunderte niederdrückte: politische Willkür, ständische Enge, religiöse Bevormundung, fehlende Bildung, unzureichende medizinische Versorgung und die nahezu vollständige Abhängigkeit von Herkunft und Stand. Hunger, Not und Unfreiheit sind nicht verschwunden. Aber sie haben in der westlichen Welt viel von ihrer früheren Macht verloren.

Das ist ein großer Fortschritt.

Doch dieser Fortschritt hat ein neues Problem sichtbar gemacht: Der Mensch ist nicht automatisch stark, nur weil er von alten Zwängen befreit wurde.

Freiheit allein gibt weder Richtung noch Halt. Sie füllt kein Leben.

Wo äußere Umstände nicht mehr alles vorgeben, muss der Mensch häufiger selbst urteilen, entscheiden und für die Folgen seines Handelns einstehen. Er muss lernen, seine Möglichkeiten zu ordnen, Bindungen einzugehen, Aufgaben zu erkennen und seinem Leben aus eigener Kraft eine Richtung zu geben.

Früher führten häufig die Umstände. Heute muss der Mensch sich stärker selbst führen.

Das ist ein Fortschritt – und zugleich eine Zumutung.

Freiheit muss täglich ergriffen werden

Goethe lässt Faust am Ende seines Lebens zu einer Einsicht gelangen:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.

Freiheit ist danach kein Zustand, den man einmal erreicht und anschließend besitzt. Sie muss immer wieder ergriffen, ausgefüllt und im eigenen Leben wirksam gemacht werden.

Darin liegt die Faust-Erkenntnis der zweiten Moderne.

Die erste Moderne hat den Menschen aus vielen äußeren Abhängigkeiten befreit. Sie hat Rechte erkämpft, Herrschaft begrenzt, Bildung geöffnet, soziale Sicherung geschaffen und individuelle Lebensmöglichkeiten erweitert.

Die zweite Moderne steht vor einer anderen Aufgabe. Sie muss nicht vor allem weitere äußere Fesseln lösen. Sie muss lernen, mit der bereits gewonnenen Freiheit umzugehen.

Das kann dem Menschen niemand abnehmen.

Die erste Moderne hat den Menschen befreit. In der zweiten Moderne muss er lernen, seine Freiheit selbst zu führen und wirksam zu füllen.

Politik und Gesellschaft können diese Aufgabe nicht für ihn erledigen. Aber sie müssen Bedingungen schaffen, unter denen Menschen an ihr wachsen können.

Befähigung ist keine neue Bevormundung

Der Begriff der Befähigung kann missverstanden werden. Er könnte so klingen, als wüssten Staat, Politik oder Experten besser, wie der Mensch zu leben habe. Als müsse der noch unfertige Bürger von außen geformt, erzogen und an ein vorgegebenes Ziel geführt werden.

Das ist nicht gemeint.

Befähigung im Sinne von ChajmLibertus beginnt mit dem Zutrauen in den Menschen. Sie nimmt ihn als ein Wesen ernst, das urteilen, lernen, handeln und Verantwortung übernehmen kann. Sie setzt nicht an die Stelle alter Herrschaft eine neue pädagogische Führung.

Der Mensch soll nicht zum Objekt seiner Befähigung werden. Er ist deren handelndes Subjekt.

Er entwickelt seine Fähigkeiten, indem er Wirklichkeit wahrnimmt, Entscheidungen trifft, Aufgaben übernimmt, Widerstände aushält und die Folgen seines Handelns erfährt. Er lernt nicht allein durch Belehrung, sondern durch eigenes Tun. Aus einer gelösten Aufgabe entsteht Erfahrung. Aus Erfahrung entstehen Können und neues Zutrauen in die eigene Wirksamkeit.

Befähigung ist deshalb im Kern Selbstbefähigung.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch alles allein schaffen muss. Niemand beginnt voraussetzungslos. Menschen brauchen Schutz, Bildung, Gemeinschaft, verlässliche Regeln und Hilfe in Situationen, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen können.

Aber Unterstützung darf den Menschen nicht dauerhaft auf die Rolle des Unterstützten festlegen. Sie muss, soweit es möglich ist, den Weg zurück in eigenes Handeln offenhalten.

Eine menschliche Gesellschaft lässt niemanden fallen. Eine freiheitliche Gesellschaft hält aber auch niemanden kleiner, als er sein müsste.

Die neue Aufgabe der Systeme

Daraus ergibt sich ein veränderter Maßstab für Politik, Staat, Bildung, Wirtschaft und Sozialordnung:

Schaffen unsere Systeme Bedingungen, unter denen Menschen selbst handlungsfähiger werden können? Oder richten sie Menschen dauerhaft in Erwartung, Passivität und Abhängigkeit ein?

Diese Frage richtet sich nicht gegen Schutz und soziale Sicherung. Beides sind Errungenschaften der Moderne. Menschen können ihre Freiheit nur nutzen, wenn ihr Leben, ihre Würde und ihre grundlegende Teilhabe geschützt sind.

Doch Schutz darf nicht zum einzigen politischen Menschenbild werden.

Wer den Menschen nur als gefährdet, überfordert oder versorgungsbedürftig betrachtet, nimmt nur einen Teil von ihm wahr. Der Mensch ist verletzlich, aber er ist auch lernfähig. Er ist auf andere angewiesen, aber er kann Verantwortung übernehmen. Er braucht Entlastung, aber ebenso Aufgaben, an denen er seine eigenen Kräfte erfährt.

Die Systeme der zweiten Moderne müssen deshalb zweierlei leisten: Sie müssen schützen, wo Schutz notwendig ist, und eigene Handlungsfähigkeit ermöglichen, wo sie entstehen kann.

Eine solche Ordnung löst nicht jedes Problem für den Menschen. Sie hilft ihm, Probleme selbst erkennen, untersuchen und bewältigen zu können. Sie nimmt ihm nicht jede Zumutung ab. Sie sorgt dafür, dass Zumutungen tragbar bleiben und Anstrengung wieder zu einem erkennbaren Ergebnis führen kann.

Der Staat wird dadurch weder schwach noch gleichgültig. Er erhält eine anspruchsvollere Aufgabe. Er soll Recht und Sicherheit gewährleisten, vor Übermacht schützen und dort helfen, wo Menschen oder Gemeinschaften überfordert sind. Zugleich soll er vermeiden, durch unnötige Bevormundung und undurchdringliche Verfahren die eigene Wirksamkeit der Bürger zu ersticken.

Ein solcher Staat ist nicht nur Schutz- und Versorgungsstaat. Er wird zum Befähigungsstaat.

Sein Erfolg zeigt sich nicht allein daran, wie viele Leistungen er verteilt oder wie viele Verfahren er eingerichtet hat. Er zeigt sich auch daran, ob Menschen nach seiner Hilfe wieder eher in der Lage sind, ihr Leben selbst zu führen.

Die doppelte Freiheit

ChajmLibertus steht damit für eine doppelte Freiheit:

  • frei von unnötiger Herrschaft;
  • frei zur eigenen Aufgabe.

Die erste Freiheit schützt den Menschen vor Willkür, Zwang und Übermacht. Sie ist die große Errungenschaft der Moderne und bleibt unverzichtbar.

Die zweite Freiheit zeigt sich darin, ob der Mensch seine Möglichkeiten tatsächlich nutzen kann. Sie braucht Urteilsvermögen, Selbstführung, Verantwortung, Bindung und die Erfahrung eigener Wirksamkeit.

Beide Seiten gehören zusammen.

Freiheit ohne Schutz kann zur Herrschaft der Stärkeren werden. Schutz ohne eigene Aufgabe kann in Passivität und Abhängigkeit führen. Erst wenn Menschen geschützt und zugleich handlungsfähig sind, kann aus äußerer Freiheit ein gelingendes Leben entstehen.

Diese doppelte Freiheit ist keine Aufforderung zur Selbstoptimierung. Der Mensch muss nicht immer leistungsfähiger, schneller oder erfolgreicher werden. Er darf schwach sein, zweifeln, scheitern und Hilfe benötigen.

Entscheidend ist etwas anderes: Er darf nicht dauerhaft von der Erfahrung abgeschnitten werden, selbst etwas bewirken zu können.

Der starke Mensch im Sinne von ChajmLibertus ist deshalb nicht der harte oder rücksichtslose Mensch. Es ist der Mensch, der lernt, mit Angst, Zweifel, Schwäche und Wirklichkeit umzugehen. Er muss nicht alles können. Aber er soll sich selbst etwas zutrauen können.

Die Reifeprüfung der zweiten Moderne

Die große Frage unserer Zeit lautet nicht nur:

Wie schützen wir Menschen vor Zumutungen?

Sie lautet ebenso:

Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen lernen können, mit Zumutungen umzugehen?

Nicht jede Zumutung ist ungerecht. Manche Aufgabe ist notwendig. Manche Anstrengung lässt einen Menschen wachsen. Manche Grenze gibt mehr Richtung als ein unendliches Feld von Möglichkeiten. Manche Verantwortung richtet den Menschen auf.

Eine Gesellschaft, die jede Schwierigkeit ausschließlich als Belastung versteht, nimmt dem Menschen den Ort, an dem er seine Kräfte entdecken kann. Eine Gesellschaft, die nur Ansprüche organisiert, verliert die Bedeutung eigener Leistung und gemeinsamer Verantwortung aus dem Blick.

Umgekehrt wäre es unmenschlich, Menschen mit ihren Problemen allein zu lassen und Selbstbefähigung als Vorwand für sozialen Rückzug zu verwenden. Wer nicht handeln kann, braucht Schutz und Hilfe. Wer wieder handeln kann, braucht Gelegenheit, Verantwortung zurückzugewinnen.

Die zweite Moderne muss beides zusammenführen: eine tragfähige Gemeinschaft und einen handlungsfähigen Menschen.

Ihre Reifeprüfung lautet: Kann der äußerlich freie Mensch lernen, seine Freiheit selbst wirksam zu füllen – nicht durch dauerhafte Ablenkung, Empörung oder Abhängigkeit, sondern durch Wirklichkeitssinn, Aufgabe, Verantwortung und nachhaltige Gestaltung?

Diese Entwicklung lässt sich nicht verordnen. Politik kann Selbstführung nicht herstellen. Verwaltung kann Verantwortung nicht zuteilen. Bildung kann Erfahrung nicht vollständig ersetzen.

Aber eine Gesellschaft kann Räume öffnen, in denen Menschen handeln und die Folgen ihres Handelns erfahren. Sie kann Anstrengung wieder lohnend machen. Sie kann Hilfe so gestalten, dass sie aufrichtet. Und sie kann dem Menschen zutrauen, Urheber, Gestalter und Ziel gesellschaftlicher Entwicklung zu sein.

Nach der Befreiung kommt die Befähigung. Ihr Ziel ist ein Mensch, der seine Freiheit nicht nur besitzt, sondern sie selbst wirksam leben kann.

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