Politik beruht immer auf einer Vorstellung vom Menschen. Das gilt auch dann, wenn sie diese Vorstellung nicht ausdrücklich benennt. Wer Gesetze macht, staatliche Hilfe organisiert, Arbeit besteuert oder Verantwortung verteilt, trifft Annahmen darüber, was Menschen brauchen, was ihnen zuzutrauen ist und was sie selbst leisten können.
ChajmLibertus geht von einem Menschen aus, der Schutz und Gemeinschaft braucht, zugleich aber tätig sein und sein Leben mitgestalten will. Er kann schwach, überfordert und auf Hilfe angewiesen sein. Er kann jedoch auch lernen, Verantwortung übernehmen und an Aufgaben wachsen.
Eine Politik vom Menschen her muss beide Seiten ernst nehmen.
Der Mensch will leben – einfach gut leben
Der Mensch ist zunächst ein Lebewesen mit grundlegenden Bedürfnissen. Er braucht Nahrung, Schutz, Sicherheit, Bewegung, Zugehörigkeit und die Nähe anderer Menschen. Er versucht Gefahren zu vermeiden, seine Kräfte einzuteilen und unnötige Anstrengungen zu umgehen. Das ist kein menschlicher Mangel, sondern Teil seiner Natur.
Über lange Zeit war das Leben vom Mangel geprägt. Nahrung, Wärme und Sicherheit waren nicht selbstverständlich. Es war sinnvoll, Kräfte zu sparen und erreichbare Vorteile zu nutzen. Diese Neigung ist bis heute in uns wirksam. Wenn Menschen ein Ziel ohne eigene Anstrengung erreichen können, werden viele diese Möglichkeit wählen.
Doch der Mensch will nicht nur versorgt sein. Er möchte handeln, etwas bewirken und erleben, dass sein Tun einen Unterschied macht. Er will Fähigkeiten entwickeln, Anerkennung erfahren und einen Platz in der Gemeinschaft finden. Ein Leben, in dem alle Bedürfnisse erfüllt werden, aber nichts mehr selbst getan, entschieden oder verantwortet werden muss, kann bequem sein. Auf Dauer wird es häufig leer.
Der Mensch braucht daher beides: Entlastung und Anstrengung, Sicherheit und Herausforderung, Unterstützung und eigenes Tun. Entscheidend ist das richtige Maß.
Der Mensch ist ein tätiges Wesen
Menschen erschließen sich die Welt, indem sie etwas tun. Ein Kind lernt laufen, weil es immer wieder aufsteht. Es versteht seine Umgebung, indem es sie berührt, untersucht und ausprobiert. Auch Erwachsene entwickeln ihre Fähigkeiten nicht allein durch Wissen, sondern durch Erfahrung und eigenes Handeln.
Wer eine Schwierigkeit bewältigt, erfährt mehr als die Lösung eines einzelnen Problems. Er erlebt: Ich kann etwas verstehen. Ich kann handeln. Ich kann eine Lage verändern. Aus dieser Erfahrung wächst Selbstwirksamkeit – das begründete Vertrauen, durch das eigene Tun etwas bewirken zu können.
Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Zuspruch allein. Es wächst vor allem aus bewältigten Aufgaben. Ein Mensch muss nicht alles allein schaffen. Aber er braucht einen eigenen Anteil an dem, was gelingt.
Wird ihm dauerhaft abgenommen, was er selbst erkennen, entscheiden und tun könnte, verliert er Gelegenheiten, seine Fähigkeiten zu erproben. Gut gemeinte Hilfe kann dann unbeabsichtigt schwächen. Sie beseitigt zwar eine augenblickliche Belastung, macht den Menschen aber möglicherweise abhängiger von weiterer Hilfe.
Gute Unterstützung schützt deshalb, wo Schutz erforderlich ist. Zugleich stärkt sie den Menschen darin, möglichst viel selbst wieder tun zu können.
Der Mensch ist frei, aber nicht unabhängig
Freiheit bedeutet nicht, von anderen Menschen unabhängig zu sein. Niemand erschafft allein die Sprache, in der er denkt, die Regeln, die ihn schützen, oder die Gemeinschaft, in der er lebt. Jeder Mensch ist auf andere angewiesen – als Kind besonders, aber auch als Erwachsener.
Der freie Mensch bleibt ein verbundenes Wesen. Er lebt in Familien, Freundschaften, Betrieben, Nachbarschaften und politischen Gemeinschaften. Er empfängt etwas von anderen und trägt seinerseits etwas bei.
Der Mensch ist aber nicht nur von anderen Menschen abhängig. Sein Leben beruht auf natürlichen Grundlagen, die er nicht selbst erschaffen kann: sauberes Wasser, atembare Luft, fruchtbare Böden, gesunde Nahrung, ein bewohnbares Klima und eine Natur, die sich erneuern kann. Diese Lebensgrundlagen sind kein zusätzliches Umweltthema neben dem Menschen. Sie sind die Voraussetzung seiner Gesundheit, seiner Handlungsfähigkeit und jedes gelingenden Lebens.
Ohne sie gibt es auf Dauer weder Selbstwirksamkeit noch Freiheit. Ein Mensch kann sein Leben nicht selbstbestimmt führen, wenn die natürlichen Bedingungen des Lebens zerstört werden. Der Schutz dieser Grundlagen gehört deshalb zum Kern einer Politik vom Menschen her.
Daraus folgt Verantwortung über die Gegenwart hinaus. Die heute lebenden Menschen dürfen ihre Freiheit und ihren Wohlstand nicht so verwirklichen, dass andere Menschen, die Natur oder kommende Generationen die Kosten tragen. Nachhaltigkeit bedeutet im Sinne von ChajmLibertus: Menschen stark zu machen, ohne die Lebensgrundlagen zu schwächen, aus denen ihre Stärke kommt.
Deshalb kann Freiheit nicht bedeuten: Ich tue, was ich will, ohne mich um die Folgen zu kümmern. Die eigene Freiheit findet ihr Maß in der gleichen Freiheit und Würde der anderen – und in der Verantwortung für die natürlichen Voraussetzungen, auf die alles menschliche Leben angewiesen ist. Aus Freiheit erwächst Verantwortung.
Verantwortung beginnt dort, wo ein Mensch sich zu seinen Wünschen und Antrieben verhalten kann. Er muss nicht jedem spontanen Impuls folgen. Er kann innehalten, Folgen bedenken, Rücksicht nehmen und sich für eine Aufgabe entscheiden, auch wenn sie anstrengend ist. Er kann für sich selbst einstehen und zugleich Verpflichtungen gegenüber anderen übernehmen.
Diese Fähigkeit macht den Menschen nicht fehlerlos. Sie macht ihn ansprechbar. Man kann ihm etwas erklären, etwas zutrauen und etwas zumuten. Man darf von ihm erwarten, dass er lernt, entscheidet und für die Folgen seines Handelns einsteht – jeweils nach seinen tatsächlichen Möglichkeiten.
Freiheit muss mit Leben gefüllt werden
Die Moderne hat den Menschen von vielen äußeren Zwängen befreit. Politische Rechte, persönliche Freiheiten und soziale Sicherheit haben Lebensmöglichkeiten eröffnet, die früheren Generationen verschlossen waren.
Diese Befreiung war notwendig. Doch sie beantwortet noch nicht die Frage, was der Mensch mit seiner Freiheit anfängt.
ChajmLibertus versteht die Moderne als die Epoche der Freiheit. Innerhalb dieser Epoche stellen sich zwei aufeinander aufbauende Aufgaben. Die erste Moderne befreite den Menschen von unnötiger Herrschaft, Bevormundung und festgelegten Lebenswegen. Diese Freiheit von äußeren Zwängen wird auch negative Freiheit genannt. „Negativ“ bedeutet hier nicht schlecht. Gemeint ist der freie Raum, in dem andere nicht über das eigene Leben bestimmen dürfen.
Die zweite Aufgabe ist die Freiheit zu einem selbst geführten Leben. Der Mensch muss Möglichkeiten erkennen, sich Ziele setzen, Entscheidungen treffen und tätig werden können. Diese gelebte oder positive Freiheit zeigt sich darin, dass ein Mensch seine Freiheit tatsächlich mit Leben füllt.
Diese zweite Aufgabe ist anstrengender. Äußere Freiheit kann durch Verfassungen, Rechte und staatliche Ordnung geschützt werden. Niemand kann dem Menschen jedoch vollständig abnehmen, seine Freiheit auch zu gebrauchen. Er muss morgens selbst aufstehen. Er muss sich entscheiden, was ihm wichtig ist. Er muss für seine Ziele, Wünsche und Träume tätig werden, Schwierigkeiten aushalten und mit Enttäuschungen umgehen.
Früher führten häufig die Umstände. Heute muss der Mensch sich stärker selbst führen. Das ist ein großer Fortschritt – und zugleich die Zumutung der zweiten Moderne.
Der Mensch kann scheitern und neu beginnen
Ein wirklichkeitsnahes Menschenbild darf den Menschen weder idealisieren noch kleinmachen. Menschen sind nicht jederzeit vernünftig, mutig und verantwortungsbereit. Sie können bequem, ängstlich, eigennützig oder ungerecht handeln. Sie können sich irren, an Aufgaben scheitern und Verantwortung von sich weisen.
Aber der Mensch ist nicht auf seine Schwächen festgelegt. Er kann Fehler erkennen, Erfahrungen auswerten und sein Verhalten verändern. Er kann aus einer gescheiterten Handlung lernen und einen neuen Versuch beginnen.
Deshalb gehören Fehler und Scheitern zu einem freien Leben. Eine Gesellschaft, die jeden Misserfolg bestrafen oder vollständig verhindern will, nimmt Menschen den Mut zum Handeln. Eine Gesellschaft, die jede Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns aufhebt, verhindert dagegen Lernen.
Menschen brauchen einen verlässlichen Rahmen, in dem sie handeln dürfen, ohne dass jeder Fehler ihre Existenz zerstört. Sie brauchen aber auch die Erfahrung, dass Entscheidungen Folgen haben und dass es auf ihr eigenes Handeln ankommt.
Menschen sind unterschiedlich – ihre Würde ist gleich
Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, ihrer Gesundheit, ihrer Herkunft, ihren Möglichkeiten und ihren Lebenswegen. Nicht jeder kann dasselbe leisten. Nicht jeder kann in jeder Lebenslage gleich viel Verantwortung tragen.
Gleiche Würde bedeutet daher nicht, alle Menschen gleich zu behandeln, ohne ihre Lage zu berücksichtigen. Wer durch Krankheit, Behinderung, Armut oder eine persönliche Krise eingeschränkt ist, kann besondere Unterstützung benötigen. Eine menschliche Gesellschaft lässt Menschen in solchen Situationen nicht allein.
Sie darf sie aber auch nicht allein über ihre Hilfsbedürftigkeit bestimmen. Ein Mensch bleibt mehr als seine Schwäche, seine Einschränkung oder seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Er bleibt eine Person mit Fähigkeiten, Wünschen, Verantwortung und einem möglichen eigenen Beitrag zum gemeinsamen Leben.
Hilfe sollte deshalb konkrete Nachteile ausgleichen und Teilhabe ermöglichen. Sie sollte den Menschen nicht dauerhaft zum Schutzobjekt machen. Auch ein verletzlicher Mensch will ernst genommen, gefragt und – im Rahmen seiner Möglichkeiten – gebraucht werden.
Der Mensch braucht Aufgabe und Gemeinschaft
Ein gelingendes Leben entsteht nicht allein durch persönliche Freiheit und materiellen Wohlstand. Menschen brauchen etwas, worauf sie ihre Kräfte richten können. Eine Aufgabe verbindet Fähigkeit, Anstrengung und Sinn. Sie gibt dem eigenen Tun eine Richtung.
Eine solche Aufgabe muss keine große Lebensmission sein. Sie kann in der Familie, im Beruf, in einem Handwerk, in der Pflege eines Menschen, im Ehrenamt oder in der Gestaltung des eigenen Alltags liegen. Entscheidend ist, dass der Mensch sich nicht nur als Empfänger von Leistungen, sondern als Beteiligter am Leben erfährt.
Dabei braucht er andere Menschen. Persönliches Gelingen und gemeinsames Gelingen stehen nicht im Gegensatz. Wer seine Fähigkeiten entwickelt, kann mehr beitragen. Wer in einer tragfähigen Gemeinschaft lebt, findet leichter Schutz, Orientierung und Möglichkeiten zum eigenen Handeln.
Eine gute Gemeinschaft verlangt deshalb nicht die Unterordnung des Einzelnen. Sie schafft einen verlässlichen Raum, in dem Menschen verschieden sein, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas hervorbringen können.
Was daraus für Politik und Gesellschaft folgt
Wenn der Mensch zugleich verletzlich und handlungsfähig ist, darf Politik ihn weder sich selbst überlassen noch ihm sein Leben abnehmen. Sie muss Menschen schützen, ihnen aber auch etwas zutrauen.
Zu diesem Schutz gehören nicht nur Recht, Sicherheit und soziale Unterstützung. Er umfasst ebenso die natürlichen Grundlagen des Lebens. Ein Staat, der Menschen schützen will, muss auch Wasser, Luft, Böden, Nahrung, Klima und die Regenerationsfähigkeit der Natur bewahren. Er schützt damit nichts vom Menschen Getrenntes, sondern die Voraussetzungen menschlichen Lebens und künftiger Freiheit.
In Deutschland besteht die Neigung, Belastungen schnell als unzumutbar anzusehen und mit neuen Schutzregeln, besonderen Zuständigkeiten oder staatlicher Absicherung zu beantworten. Vieles davon ist notwendig. Schutz vor Gewalt, Willkür, Ausbeutung und existenzieller Not gehört zu den grundlegenden Aufgaben des Staates. Doch gut gemeinter Schutz kann Menschen auch kleinmachen, wenn er ihnen jede Anstrengung, jedes Risiko und jeden Konflikt abnehmen will.
Nicht jede Belastung ist eine Überforderung. Menschen können Veränderungen bewältigen, Schwierigkeiten aushalten und an Aufgaben wachsen. Dafür müssen Politik und Gesellschaft ihnen Vertrauen entgegenbringen und ihnen vernünftigerweise etwas zumuten.
Ein vom Menschen her gedachter Staat schützt Menschen, deren eigene Kräfte nicht ausreichen. Zugleich vertraut er darauf, dass erwachsene Menschen urteilen, entscheiden und Verantwortung übernehmen können. Seine Hilfe setzt bei konkreter Not oder Benachteiligung an und stärkt – wo immer es möglich ist – das eigene Handeln.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie können wir Menschen schützen? Ebenso wichtig ist: Was können wir ihnen zutrauen? Eine menschliche Politik darf fordern, ohne Menschen preiszugeben. Sie darf schützen, ohne sie kleinzumachen.
Und sie muss dafür sorgen, dass heutiges Handeln die Lebensmöglichkeiten von morgen nicht zerstört. Politische Lösungen müssen daher nicht nur unmittelbar wirksam, sondern auch sozial, wirtschaftlich und ökologisch tragfähig sein.
Der Maßstab: ein gelingendes Leben
Der Mensch lebt nicht, um ständig Aufgaben zu erledigen und Verantwortung zu tragen. Er möchte auch lieben und geliebt werden, Freude erleben, genießen, spielen, feiern und zur Ruhe kommen. Er darf glücklich sein, ohne dieses Glück durch Leistung verdienen zu müssen.
Ein gelingendes Leben braucht deshalb einen menschlichen Wechsel: Anstrengung und Erholung, Verantwortung und Leichtigkeit, Gemeinschaft und Rückzug. Auch das scheinbar Zwecklose gehört dazu – ein Gespräch, Musik, Natur, ein Fest, ein stiller Morgen oder die Nähe eines anderen Menschen.
Glück lässt sich weder verordnen noch dauerhaft herstellen. Politik kann es nicht garantieren. Sie kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Menschen ihr Leben möglichst weit selbst führen, tragfähige Beziehungen eingehen und ihr persönliches Glück suchen dürfen.
Dafür braucht der Mensch die Fähigkeit, seine Lage zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und etwas zu bewirken. Diese Handlungsfähigkeit ist jedoch nicht das Ziel, sondern eine Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Der Mensch soll handeln können – aber er lebt nicht, um zu funktionieren.
Der starke Mensch ist deshalb nicht der harte, rastlose oder rücksichtslose Mensch. Stark ist, wer mit Angst, Zweifel, Schwäche und einer widerständigen Wirklichkeit umgehen lernt, ohne die Freude am Leben zu verlieren. Er kann handeln und Verantwortung übernehmen, aber auch Hilfe annehmen, scheitern, lernen und neu beginnen.
Nach der Befreiung kommt die Befähigung. Doch auch Befähigung ist kein Selbstzweck. Sie soll dem Menschen ermöglichen, seine Freiheit mit Leben zu füllen: durch eigenes Tun und Verantwortung, durch Verbundenheit und gemeinsames Gelingen – und durch das Glück, das entstehen kann, wenn er sein Leben als selbst geführt, lebendig und sinnvoll erfährt.
Dieses Leben bleibt auf natürliche Grundlagen angewiesen, die kein Mensch allein hervorbringen kann. Sie zu schützen ist deshalb kein äußerer Zusatz zu Freiheit und Verantwortung. Es gehört zu ihrem innersten Sinn: Das Leben soll gelingen können – heute und in Zukunft.

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